Worte des Herausgebers

Warum brauchen wir eine Zeitschrift für arabische Literatur?

Die Idee zur Gründung einer Zeitschrift, die sich speziell der übersetzten neueren arabischen Literatur widmet, ist ohne Zweifel die Fortsetzung von vielen Bemühungen um die Vermittlung der arabischen Literatur und Kultur an eine deutschsprachige Leserschaft. Insbesondere möchte ich hierbei die lobenswerte Arbeit von Peter Ripken von der »Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika e.V.« nennen. Seine kulturübergreifende Zeitschrift »LiteraturNachrichten« mit literarischen Kleinoden, aktuellen Berichten und Rezensionen ist nicht nur eine Bereicherung der oft einseitig westlich-orientierten Mainstream-Literatur Europas, auch die vielen anderen Aktivitäten der Gesellschaft suchen ihresgleichen. Zu nennen wäre eine ganze Reihe von Projekten und Initiativen, die sich der Vermittlung zwischen den Kulturen verschrieben haben, unter anderem durch solche Publikationen wie »Der Arabische Almanach« (Zeitschrift für orientalische Kultur), »Fikrun wa Fann«, »INAMO« und »Zenith« (Zeitschrift für den Orient). Sie sind Foren für Information und Dialog und beschäftigen sich dabei in unterschiedlichem Maße auch mit Literatur. Ein rein auf arabische Literatur konzentriertes Medium gibt es in Europa bisher nur in englischer Sprache (die von Margaret Obank gegründete und seit 1998 in London erscheinende Zeitschrift »Banipal«).

Jedoch können die Anstrengungen in dieser Richtung nicht umfangreich genug sein. Viel zu groß ist noch die Kluft zwischen der europäischen und arabischen Kultur und viel zu gering die Bereitschaft, diese zu überbrücken. Das Interesse bei den Lesern ist auf breiter Basis vorhanden – möchte man sich doch ein vielseitigeres, tiefergehendes Bild von der arabischen Welt machen als das durch Kriege und Negativmeldungen von der Presse vermittelte.

Und so reiht sich Lisan Magazin in die Bemühungen der Kulturvermittler ein, die den Horizont Richtung Osten erweitern wollen, nur hier endlich ganz im Sinne der arabischen Literatur.
Warum also brauchen wir eine neue Zeitschrift für moderne arabische Literatur?

Wir brauchen sie, um den Kreis der Vermittler der arabischen Literatur zu erweitern und engagierten Mitstreitern eine Plattform zu bieten, damit der deutschsprachige Leser über in Deutschland unbekannte Schriftsteller informiert und auf literarische Perlen aufmerksam gemacht wird, die zwar dank der Initiative einzelner Übersetzer in deutscher Übersetzung vorliegen, aber aus dem einen oder anderen Grunde nicht auf den Markt gelangten, um die Entwicklung der literarischen Übersetzungsbranche nicht allzu sehr dem Zufall zu überlassen bzw. um sie von äußeren Einflüssen wie persönlichen Beziehungen und politischen Ereignissen unabhängiger zu machen. Die Erarbeitung eines Kanons der modernen arabischen Literatur oder eine Bestsellerliste wäre z. B. ein Anfang. Zu sehr ist der Trend der Übersetzungen noch von individuellen Initiativen abhängig, die zwar ihrerseits höchst lobenswert sind, aber kein Gesamtbild widerspiegeln können und nicht ausreichend vielfältig sind.

um auf möglichst viele gute Schriftsteller der arabischen Welt aufmerksam zu machen, die trotz ihrer Bedeutsamkeit und Etabliertheit in der arabischen Welt noch in keine europäische Sprache übersetzt worden sind.

um vielversprechenden, kreativen, kritischen Autoren der jüngeren Generation, von denen es in der weiten arabischen Welt zahlreiche gibt, die Möglichkeit zu bieten, der Öffentlichkeit vorgestellt zu werden. Innovation zählt zu den schwächsten Eigenschaften der arabischen Moderne und ist unbedingt zu fördern.

um den deutschsprachigen Leser unmittelbar mit aktuellen Nachrichten aus der Literaturszene und Informationen über neue beachtenswerte Trends zu versorgen.

um ein Forum für literaturkritische Auseinandersetzungen und Buchbesprechungen zu sein und die Arbeit nicht allein den Feuilletons der Tageszeitungen zu überlassen

um über das Projekt (wir verstehen die Zeitschrift als Werkstatt für Literaturübersetzung – und -vermittlung) den deutsch-arabischen Dialog zu fördern.

um mehr begabte Übersetzer zu aktivieren, damit die arabische Literatur nicht auf indirektem Wege (über englische oder französische Übersetzungen aus dem Arabischen) in die deutschsprachige Literatur Eingang findet.

um jungen Übersetzern, denen bisher kein Forum geboten wurde, die Gelegenheit zu geben, sich mit ersten Proben zu beteiligen. Denn wir sind der Meinung, dass es mehr begabte Übersetzer gibt als angenommen; sie sind aber noch zu entdecken. Hierzu werden in gleichem Maße sprachbegabte Lektoren gefordert, die in enger Zusammenarbeit mit den Übersetzern den übersetzten Texten den letzten Schliff geben. Und selbstverständlich auch erfahrenen Übersetzern steht das Lisan Magazin zur Verfügung, wissen wir doch, wie schwierig es heute ist, Verlage für die arabische Literatur generell zu gewinnen, sei es aus ideologischen Gründen oder weil befürchtet wird, dass die Bücher sich auf dem Markt nicht absetzen lassen.

Eine neue Zeitschrift für moderne arabische Literatur in deutscher Sprache wird allen Beteiligten der Literatur-Werkstatt die Gelegenheit bieten, eine Weile inne zu halten, um über die historische Entwicklung des Verhältnisses beider Kulturkreise – des deutschsprachigen und des arabischsprachigen Kulturkreises – sowie über deren literarischen Produkte, Ergebnis der Befruchtung beider Kulturen, nachzudenken.

Hassan Hammad