Alawiyya Subh

Mariam der Geschichten

Ich werde Ibtisam anrufen, bevor ich alles für die Reise vorbereite. Ich werde sie an mich ziehen und sie fest umarmen, ganz gleich, ob sie sich von mir mit Blicken ihrer alten oder neuen Augen verabschiedet. Wie könnte ich auch nicht zu ihr gehen?! Wie könnte ich sie nicht in meine Arme nehmen, sie, zu der ich immer Zuflucht nahm, der ich all meine Geschichten und Geheimnisse anvertraute. Sie kennt meine ganze Geschichte mit Ali, Mustafa und ...

Ja, sie war die erste, der ich von Ali erzählte.

Getroffen hatte ich ihn in Jasmins Haus in einem Viertel im Süden Beiruts. Ali war ein Verwandter ihres Mannes Dr. Kamal. Er wohnte in einem Zimmer in der Nähe ihres Hauses, das er gemietet hatte, um sein Universitätsstudium in Beirut fortzusetzen.
Die Blicke aus seinen kleinen, tiefliegenden Augen, voller Geheimnisse der Liebe, erregten mich und ließen meinen ganzen Körper entflammen.
Als er mich zum ersten Mal küsste, verwandelte sich seine Blässe in die schöne warme Farbe der Liebe. Wenn er meine Stirn und diesen kleinen Flecken zwischen Wange und Mundwinkel küsste, traf ich auf einen Reichtum an Zärtlichkeit.
Doch er ging davon. Ich vermisste ihn, nachdem der Todespanzer sein Leben zermalmt, ihn zerstückelt und seine abgetrennten Körperteile und mit ihnen diesen Schatz an Wärme, Liebe und Zärtlichkeit verstreut hatte.
Als Ali starb, hatte ich niemanden, der mir zuhörte und dem ich mein Herz ausschütten konnte, außer Ibtisam. Es war so, als würde sie mir das Laufen von Neuem beibringen. Sie nahm mich an die Hand, um mir auf die Beine zu helfen. Ich kroch, dann krabbelte ich, um meinen Körper, meine Knochen wieder zu entdecken, nachdem die Knochen Alis und seiner Geschwister auf dem Weg zermalmt worden waren. Dem Tod entkommen konnte nur das kleine Mädchen, das die Mutter noch aus dem Fenster schmeißen konnte, bevor der israelische Panzer das Auto, das die Familie aus dem Süden nach Beirut fuhr, zerquetschte.
Die israelische Armee begann ihren Angriff auf Libanon 1982. Ihre Panzer rückten in Richtung Süden vor. Niemand ahnte, dass dieser Angriff sich bis Beirut fortsetzen würde, um es zu okkupieren. Ali rief mich an und sagte mir: »Ich werde das Auto nehmen und ins Dorf fahren, um meine Familie nach Beirut zu bringen.«
»Wie willst du denn eigentlich dorthin gelangen, Ali?! Die israelische Armee hat angefangen einzumarschieren. Ich sitze neben dem Radio und in den Militärkommuniques heißt es, dass die Armee weiter vorrückt. Ali, bitte geh nicht!«
»Ich kann nicht anders, Mariam! Soll ich etwa meine Familie dort lassen? Als sie 1978 eingedrungen sind, kamen meine Schwester und mein Bruder beim Angriff der Luftwaffe ums Leben und das Haus wurde zerstört. Ich kann’s nicht zulassen, den Rest meiner Familie zu verlieren.«
»Ach, Ali, komm schon, was soll diese ganze Sache?! Es ist viel gefährlicher, bei diesem Bombardement unterwegs zu sein als zu Hause zu sitzen!«
»Ich kann einfach nicht anders, Mariam. Ich möchte dorthin. Sobald ich zurück bin, ruf ich dich an.«
»Na ja, dann pass gut auf dich auf. Ich liebe dich.«
»Ich dich auch. Tschüs!«
»Tschüs!«

Ich erfuhr es durchs Radio und später sah ich den zerquetschten Wagen auf der Strecke in den Süden mit eigenen Augen im Fernsehen. Sein Name und die Na-men seiner Geschwister wurden immer wieder im Radio genannt. Am Anfang konnte ich es einfach nicht glauben. Ich konnte auch nicht zur Beerdigung gehen. Er, seine Geschwister und seine Mutter wurden alle zusammen in einem Grab beerdigt. Dem Vater, der auf seine ganze Familie in Alis Zimmer in Beirut gewartet hatte, blieb nur das kleine Mädchen mit ihren zerbrochenen Knochen und zerschmetterten Flügeln.
Für mich brach eine Welt zusammen. Monate vergingen, ohne dass ich ein einziges Wort über meine Lippen zu bringen vermochte. Der Schock hatte all meine Bedürfnisse ausgelöscht, selbst das Bedürfnis zu sprechen.
Ich lebte nur von Zigaretten, die meine Kehle entzündeten. Ali, der Einzige, der mich so innig geliebt hatte, Ali, der in wenigen Monaten mein ein und alles ge-worden war. Ich trauerte ihm nicht so heftig nach, weil er versprochen hatte, mich zu heiraten. Ich war traurig, weil er das Versprechen war.

Zwei Jahre waren seit Alis Tod vergangen, als ich Mustafa, den Bruder meiner Kollegin im Büro, kennenlernte. Ich traf ihn in ihrem Haus. Er sei gerade aus der Schweiz zurückgekommen, erzählte er. Er war 35, sehr dunkelhäutig, groß und kräftig. Sein dichtes schwarzes Haar, seine schwarzen Augen und die Zigarre, die er immer in der Hand hatte, ließen ihn voller Stolz auf sich selbst erscheinen. Es war nicht zu übersehen, dass vor allem sein Unterleib sehr kräftig war, im Gegensatz zu vielen anderen Männern, die eher an Bauch und Hüfte zu dick sind. Seine Oberschenkel waren so voll, dass sie beim Gehen aneinander rieben.
Ich hatte damals meinen Schock über Alis Verlust verarbeitet oder genauer ge-sagt, ich wollte meine Schmerzen und meine Furcht vor Einsamkeit bewältigen.

Wir kannten uns ungefähr ein Jahr, in dem ich ihn öfters getroffen hatte. Er rief mich immer an, um zu sagen, dass er gerade aus der Schweiz gekommen sei. Er werde eine bis höchstens zwei Wochen in Beirut verbringen, um die Waren, die er mitgebracht hatte, zu verkaufen.
Dann fuhr er wieder weg und verschwand. Ich wartete auf seinen Anruf, bei dem er mich mit einem gekünstelten englischen »Hallo« begrüßte. Ich traf mich dann mit ihm und er gab mir immer einen Teil seiner Waren, damit ich sie für ihn verkaufte und ihm das Geld dafür gab.
Manchmal gab er mir Handtücher in verschiedenen Farben und Größen, manchmal aber auch alkoholische Getränke, bis er sich zuletzt für Dessous und Damennachtwäsche entschied.
Eines Tages meldete er sich bei mir um halb acht in der Früh. Er sei vor zwei Tagen aus der Schweiz gekommen und wolle mich sehen. Er hätte mir viel zu sa-gen.
»Jetzt?«
»Ja, jetzt sofort.«
»In einem Café?«
»Nein, komm rüber zu mir, ich bin noch müde vom Flug. Was denn? Hast du Angst vor mir?«
»Nein, überhaupt nicht.«

Ich ging ohne Angst zu ihm. Er lebte in einer möblierten Wohnung am Ende der Hamrastraße. In Beschlag genommen hat er sie, wie das damals mit allen verlassenen möblierten Wohnungen der Fall war. Ich fuhr mit meinem Auto durch die Straßen, die nach einer langen Nacht voller Angriffe fast leer waren. Nur wenige Autos und Fußgänger waren zu sehen. Die Schlaftablette, die ich am Abend vor dem Schlafengehen eingenommen hatte, machte mich immer noch ganz träge. Ich parkte mein Auto vor dem Wohnhaus und ging in die 3.Etage zu seiner Wohnung.
Er öffnete mir die Tür und umarmte mich. Während er die Tür schloss, legte er seine Hand auf meine Schulter. Im Flurspiegel, sah ich neben seinem mächtigen Körper winzig aus. Im Bruchteil einer Sekunde warf er mich auf das Bett und machte sich daran, die Knöpfe meines Hemdes zu öffnen. Ich spürte seine keuchenden Atemzüge auf meinem Gesicht. Ich leistete keinen Widerstand –weder, als er mich hinter meinen Ohren und am Hals küsste, noch, als seine Finger begannen, meine Hosenknöpfe zu öffnen. Ich weiß nicht, warum ich nachgab. Mit Ali war ich zwei Jahre zusammen und besuchte ihn immer in seinem Zimmer, wo wir zusammen kochten und aßen. Geküsst hat er mich auch und ich spürte eine süße Gelassenheit in all meinen Gliedern, aber nie hatte er versucht, die Knöpfe meiner Kleider aufzumachen.

Ali lag immer bekleidet auf mir, umarmte mich und drückte mich so fest, dass unsere Kleider schweißnass waren. Unser Schweiß vermischte sich mit seiner Samenflüssigkeit, die seine Hose zwischen den Oberschenkeln befeuchtete. Wir konnten dann seinen Körpergeruch nicht mehr von meinem unterscheiden. Heute noch, wenn ich sein Grab besuche und Salbei abbrenne, rieche ich nichts außer diesem Geruch. Manchmal öffnete er die oberen Knöpfe meines Hemdes, küsste mich oben auf die Brust und streichelte mich auf meiner Hose zwischen den Oberschenkeln. Meine Hose behielt ich immer an ...
Nie jedoch habe ich einen vollständigen Liebesakt mit ihm erfahren können, nicht nur, weil er schüchtern war, sondern weil er immer gesagt hat, er möchte mir keinen Schaden zufügen. Erst in der Hochzeitsnacht wolle er mich zur Frau nehmen. Obwohl er ein progressiver Kämpfer war, hielt ihn sein ländlicher Ursprung zurück, unsere Beziehung bis zum letzten auszuleben. Der Kuss, die zärtliche Berührung waren für Ali der stärkste Ausdruck der Liebe. Das war es auch, was mich bei ihm geborgen und behütet fühlen ließ.

Es war das erste Mal, dass ich einem Mann nackt gegenüber stand.

Die verstaubte Haut meines Körpers – es war, als sähe ich ihn zum ersten Mal. Es kam mir vor, als würden sich dichte weiße Wolken um ihn sammeln, um dann wieder zu verschwinden, so dass mein Körper sich vor mir auflöste. Es war, als würde dieser Körper, zum ersten Mal nackt vor den Augen eines Mannes, plötzlich vom Himmel fallen, um Wirklichkeit zu werden. Ich hatte seine Existenz vor diesem Moment nicht wahrgenommen.
Als seine Lippen begannen, über meinen Körper zu wandern, war mir, als würde ich ihn plötzlich entdecken, seine Winkel, Rundungen, Wölbungen und Hügel, die ich bisher nicht wahrgenommen hatte. Die Entdeckung meines Körpers durch seinen fremden Mund, seine fremden Augen und Hände jedoch riefen ein verletzendes Gefühl in mir hervor und ließen mich meinen Körper erneut als fremd empfinden.
Indem Mustafa meinen Körper entblößte und ihn zu einem bloßen Stück Fleisch werden ließ, entfremdete er ihn mir erneut. Dieser Körper verschwand wieder und Mustafa machte sich mit seinem Mund wie ein Hund über ein Stück Fleisch her. Er lag auf mir und für einen Moment kam es mir vor, als würden seine großen, fremden Augen meinen ganzen Körper, mein ganzes Gesicht verschlingen.

Es war das erste Mal, dass ich das Glied eines Mannes sah. Mit verstohlenen Blicken versuchte ich sein Aussehen zu erkennen, um das Geheimnis zu entschlüsseln, das mich beschäftigte, wenn immer ich heimlich auf den entsprechenden Teil der Hose eines Mannes schaute.
Ich blieb im Bett liegen, als er aufstand und nackt in die Küche lief, um eine Flasche kalten Wassers zu bringen. Mitten im Zimmer, genau vor mir stand er, warf seinen Kopf zurück und goss all das Wasser in der Flasche in seinen Mund, als wäre dieser ein großes Abflussloch. Ich vernahm das Geräusch des Wassers und meine Augen blickten erneut verstohlen auf sein Geschlechtsorgan. Ich aber schämte mich meines Körpers und umhüllte ihn mit dem Laken, wobei er in sich selbst zusammenschrumpfte. Mustafa aber lief ganz ruhig und gelassen umher; dabei störte ihn weder sein herabhängender Bauch noch sein erschlaffendes Glied.

Ich schämte mich nicht nur meines Körpers, sondern auch seiner Makel, nicht nur meines ein wenig schlaffen Hinterns, sondern auch des großen schwarzen Muttermals auf meiner Brust.
In diesem Augenblick überfiel mich Eifersucht auf die Beziehung der Männer zu ihren Körpern. Ich hasste meinen Körper nie so wie an diesem Tag, an dem ich ihn in seiner Entblößtheit entdeckte, vor einem Mann, der in ihm nur Fleisch und Nacktheit sehen wollte.
Ein Gefühl des Schmerzes überkam mich. Nicht, weil ich meine Keuschheit in einem Liebesakt mit einem Mann, den ich so innig liebe wie Ali, verlieren wollte. Es lag an Mustafas Grobheit, an seiner verletzenden Art, die ich nie vergessen werde. Die ganze Sache geschah natürlich nicht wider meinen Willen und ich hatte nicht versucht zu widerstehen. Alis Tod und der Tod vieler anderer im Krieg ließen das Warten bedeutungslos werden. Die Beziehung zu allen Dingen galt für den Moment, an Zeit dachte man nicht. Die Angst vor dem Tod machte die Angst vor allem anderen wert- und bedeutungslos. An jenem Tag hatte ich das Bedürfnis, mich der Entdeckung meiner Wünsche zu überlassen. Ich fürchtete jedes »Morgen« und jedes Ende.

Alles war in Brüche gegangen, die Stadt samt ihren Gebäuden und Straßen, selbst meine Einsamkeit. Alle Werte waren zerstört. Aber trotz dieses Zusammenbrechens sehnte sich mein romantisches Inneres nach mehr echten Gefühlen, nach größerer Intimität und Poesie. Die Zerrissenheit meiner Haut, der Schmerz, an dem ich tagelang litt, ließen in mir das Gefühl aufsteigen, Mustafa hätte nicht mich, sondern meine Seele entjungfert ... Das Blut zwischen meinen Beinen schien aus der Wunde meiner Seele zu fließen.
An dem Tag ging ich nach Hause, nahm eine weitere Schlaftablette und schlief. Erst die Stimme meiner Mutter weckte mich. Ich öffnete meine Augen und sah Licht durch den Vorhang dringen. Ich hatte überhaupt kein Gefühl für die Zeit. War es morgens oder abends? Ich versuchte zu erwägen, wie hell es am Himmel und wie dunkel es in meinen Augen war. Hell und dunkel vermischten sich in einem schweren, belasteten Körper und verschlafenen Augen. Mir kam es vor, als hätte ich nur wenige Minuten geschlafen. Das letzte Mal, als ich auf die Uhr geschaut hatte, war es 12 Uhr Mittag. Wie lange hatte ich eigentlich geschlafen? Ich wusste es nicht. Ich war mir dann aber sicher, dass es fast Abend war, als ich meine Mutter sagen hörte: »Mariam, steh auf, die Sonne hat dich »überrumpelt«, während du schliefst. Ich hab dir doch tausendmal gesagt, dass man nach zu langem Schlaf schlecht gelaunt ist und finster in die Welt schaut.«

Meine Mutter hatte Recht. Die Sonne »überrumpelte« mein Herz und meine Stimmung. Ich wollte weinen; mein Herz war zusammengeschrumpft und die Tränen schnürten mir die Kehle zu. Ich stand auf. Ich stand da wie jemand, der zwischen Schlaf und Wachsein, zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen Licht und Dunkel taumelt. Der Schmerz zwischen meinen Beinen fühlte sich an wie ein Schamgefühl mir selbst, meinem Vater und meiner Mutter gegenüber. Ich bildete mir ein, sie schauten mir beim Gehen nur zwischen meine Oberschenkel und wür-den an meinem Körper Mustafas Geruch erkennen, der mir immer noch anhaftete.

Mir war schwindlig. Ich wusste nicht genau, woran das lag, an der Schlaftablette, an Mustafas Geruch oder an seiner Forderung, die er an mich richtete, nachdem aufgestanden und nackt herumgelaufen war. Er kam mit einer großen Tüte an, die er neben mich stellte. Ich lag noch im Bett mit dem Laken um meinen Körper. Er setzte sich auf die Bettkante und machte sich daran, die Tüte vor mir zu entleeren. Damenbekleidung in verschiedensten Farben und Modellen. Damenslips, die ich nie vergessen werde. Sie ähnelten diesen billigen, seltsamen Modellen, die der Besucher des Hamidiyya-Bazars in Damaskus in den Farben rot, gelb, orange und lila vor den Läden hängen sieht.
Ich betrachtete die auf dem Bett um mich herum liegenden Kleidungsstücke: Slips mit einer Öffnung vorne, andere mit Herzen in kitschigen Farben in der Schamgegend oder mit Schmetterlingen oder Federn oder mit einem Reißverschluss. Mustafa lachte schallend, bevor er mir die Funktion des Reißverschlusses erklärte, den er ihn mit seinen Fingern öffnete und schloss:
»Schau, Schatz, so kann eine Geschlechtsverkehr haben, ohne sich ausziehen zu müssen. Erstens leben wir in einer schnellen Zeit, zweitens lieben wir Männer diese komischen Sachen.«

Ich hatte das große Bedürfnis, mir Liebe vorzumachen. Ich nahm die Ware und verkaufte sie alle. Am besten gefiel sie Jasmin.
»Unmöglich, Mariam, ich kann doch nicht so etwas tragen!«, sagte sie und fügte lachend hinzu: »So verkaufst du zu guter Letzt sexy Slips, obwohl du Jura studiert hast?«
Einmal erzählte mir Jasmine, wie ihr Mann, Dr. Kamal, fast den Verstand verlor, als er den Reißverschluss der Unterhose betätigte, und wie erregt er vor dem »Match« – wie sie nannte – war. Seine Leidenschaft wurde noch größer, als sie den Slip anzog, dessen Beleuchtung bei jeder Bewegung oder Berührung an- und ausging.
Ich verkaufte für Mustafa diese Waren säckeweise. Jedes Mal kam er mit neuer Ware zurück und sagte mir »So sparen wir uns etwas zusammen und heiraten dann.« Aber das letzte »Match«, der letzte Kampf mit Mustafa war ganz anderer Art, die ich nie vergessen werde.

Zum ersten Mal wurde mir bewusst, dass meine Stimme einen lauten, schroffen Ton haben kann. An diesem Tag dachte ich, Mustafa sei in der Schweiz. Auf dem Heimweg von meiner neuen Arbeit in einem Anwaltsbüro ging ich in das Cafe »Die Gondel«, das in der Nähe des Büros liegt. Und dann erlebte ich eine Überraschung. Ich sah Mustafa dort sitzen mit einer jungen Blondine mit aus der Ferne leuchtenden honigfarbenen Augen. Er verschlang sie mit seinen Blicken, hielt ihre Hände und sein Kopf lehnte an ihrem Kopf.
Für einen Moment blieb ich wie gelähmt stehen und starrte ihn schockiert und voller Verwirrung an. Ich vergewisserte mich, dass es Mustafa war, als ich mich mit langsamen Schritten ihrem Tisch näherte.
Ich sagte zu ihm: »Entschuldigung, Mustafa, ich möchte dich einen Moment alleine sprechen.« Er ließ das Mädchen am Tisch sitzen und folgte mir nach draußen.
Ein Strom von Fragen ergoss sich über ihn:
»Solltest du nicht eigentlich in der Schweiz sein?! Wann bist du gekommen und wieso hast du es mir nicht gesagt? Und wer ist dieses Mädchen da, du Schwindler?« Es kamen viele andere Fragen, an die ich mich jetzt nicht erinnere. Woran ich mich aber sehr gut erinnere, ist meine Stimme, die vor lauter Schreien versagte.
Er sagte mir damals nur einen einzigen Satz, den ich nie vergessen werde:
»Aus, lass mich in Ruhe, hör auf zu schreien und verschwinde von hier! Es geht dich überhaupt nichts an, ob ich wegfahre oder nicht. Das ist meine Sache. Und glaubtest du wirklich, dass ich so eine Alte wie dich heirate?«
Dieser Satz traf mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel.
»Ich und alt?«
»Ja, und wie, glaubst wohl, noch die Jüngste zu sein und immer noch Heiratschancen zu haben?«

An dieser Stelle wusste ich nicht mehr, was ich tun sollte. Sollte ich lachen oder weinen? Ich wusste nicht, was ich ihm antworten sollte. Ich hörte mich nur sagen:
»Das kann ja wohl nicht wahr sein! Wenn jemand alt ist, dann bist du es, du Scheißkerl!«
Ich lief zu meinem Auto und die Tränen in den Augen vermischten sich mit bitterem Lachen. Ich konnte weder die Tränen runterschlucken noch das Lachen unterdrücken. Ich war damals 28 und er 36.

An dem Tag sagte mir Ibtisam: »Macht nichts Mariam, wir alle machen Fehler. Schwamm drüber.« Dann lachte sie und sagte: »Geschieht dir aber auch recht. Hättest dich sehen sollen mit dieser Tüte unterm Arm, um diesem Blödmann von Haustür zu Haustür seine Ware zu verkaufen!«
Um mich zum Lachen zu bringen und meine Trauertränen in Lachtränen zu verwandeln, holte sie die Unterhose mit dem Reißverschluss. Sie hob sie hoch, schaute mich durch die Reißverschlussöffnung mit ihren hübschen Augen an und sagte: »Na komm schon, Süße! Kopf hoch, Mariam, es wird schon wieder.« Nachdem sie den Slip beiseite getan hatte, sagte sie leise und mit trauriger Stimme: »Vergiss die ganze Sache! Wir alle – im Krieg und auch ohne Krieg – verlieren zuweilen den Verstand und begehen einfach manchmal eine Dummheit.«

Aus dem Arabischen von Bassant Hassan

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