Mansura Ezz al-Din

Eine gespenstische Stadt

Wie im Halbschlaf läuft Mariam durch die Straßen der Stadt. Sie weiß nicht mehr, ob die Welt um sie herum wirklich ist oder nicht. Alles scheint weit entfernt und tief in ihrem Inneren verborgen zu sein. Die Menschen, die Teil ihres Lebens waren, haben sich in Geister verwandelt, die sie von Zeit zu Zeit besuchen und sie dann plötzlich, ohne jegliches Mitgefühl, im Zustand der Verzweiflung und Verwirrtheit zurücklassen.
Abwesend geht Mariam weiter. Sie zieht ihre Kleider enger um ihren Körper. Fest tritt sie mit den Füssen auf das Pflaster. Sie zwingt sich dazu, irgendwelche sinnlosen Worte auszusprechen, um sich selbst davon zu überzeugen, dass sie noch existiert, dass sie auf der Welt ist, einer Welt, die sie vom ersten Augenblick an ausgestoßen hat.
Sie war ein krankes Kind, dem Tod näher als dem Leben. Ihr Magen spie alles, was hineinkam, durch ständiges Erbrechen wieder aus oder sie litt an Durchfall. Nargis musste ihr dann eine große Dosis Glukose verabreichen, um zu verhindern, dass das Leben ihrem Körper entwich.
In letzter Zeit schmeckte Mariam jedes Mal, wenn sie ein Getränk oder eine Speise zu sich genommen hatte, wieder diese Flüssigkeit auf ihrer Zunge. Es war geradezu so, als ob sie ihr ganzes Leben nichts anderes geschmeckt hätte – ein Leben, das in Splitter zerfallen war, die nicht zusammenpassen wollten und von dem nur dieser durchdringende Geschmack zurückblieb.
Sie hatte es sich ausgesucht, alleine, ohne Bekannte zu leben. Aber war wirklich sie diejenige, die sich für diesen Weg entschieden hatte? Kann eine Familie wie die ihrige die Tochter alleine leben lassen und ohne nach ihr zu fragen oder sie gar zu besuchen? Wo ist diese Familie überhaupt? Und warum konnte Mariam, während sie den Ort besuchte, der doch der ihre sein sollte, keine Spur dieser Familie finden? Niemand dort erkannte sie, und sie erkannte ebenfalls niemanden. Sie ging wie ein Geist … leichtfüßig, schwebend, getragen von dem leichten Wind, der an diesem Ort immer weht.
Sie suchte jeden Zoll des Dorfes vergeblich nach Nimr, Nargis, Kauthar und Salih ab, nach den Spuren von Yussif und Sofia. Die Villa der Familie at-Tagi existierte nicht mehr. Der Friedhof, den sie gut kannte und auf dem, wie sie bis zuletzt dachte, ihre Lieben begraben lagen, schien nicht der gleiche zu sein. Alles schien in erschreckendem Maße das Gegenteil von dem zu sein, woran sie sich von früher erinnerte. Mariam fühlte sich mit dem Nichts konfrontiert ... ein neuer Don Quichotte, der ins stürmische Meer ging, nachdem Gott ihn verlassen hatte.
Sie setzte sich zwischen zwei Reihen von Gräbern, lehnte sich mit dem Rücken an eines von ihnen, zündete sich mit zittrigen Händen eine Zigarette an und begann zu rauchen. Vielleicht würde sie sich so ein wenig beruhigen.
Der Duft von Pfefferminze und Basilikum erinnerte sie an Sofia. Wider Willen musste sie lächeln, als sie in ihrer Fantasie Sofia auf ihrer Wanderung sah, mit ihren schmutzigen Papieren,1 Basilikum- und Pfefferminzezweigen in den Händen, begleitet vom hallenden Echo ihrer Schritte und dem eindringlichen Geruch des klebrigen Kakteensafts, der ihre Hände und Kleider beschmutzte. Wo mag sie jetzt sein? Liegt sie in einem dunklen Loch oder hat sie andere Gräber gefunden, vor denen sie der Schlaf überkommt? Oder läuft sie jetzt auf Wegen voller Abfall, auf denen sie schmutzige Papiere aufheben kann, ohne dass jemand daran Anstoß nimmt? Dort, wo nichts und niemand sind, das würde zu ihr passen.
Mariam ist sich sicher, dass alles, worauf sie sich stützt, null und nichtig ist. Was sie aber nicht mehr weiß: Wer sind die, die sie überallhin verfolgen und sie auffordern zurückzukehren, sich ihnen anzuschließen ... und sie anzuerkennen? Sie wünschte sich, dies alles wäre lediglich ein langer Alptraum, der damit endet, dass sie in einem warmen Bett aufwacht und ihren Angehörigen die verwirrenden Einzelheiten ihres Traums erzählt.
Yahia tauchte in ihren Gedanken auf. Sie bat ihn darum, sie nicht mit den erbarmungslosen Fragen allein zu lassen. Er solle zurückkommen und ihr Gesellschaft leisten. Sie wusste aber, dass er auf der Seite der anderen, gegen sie, steht ... Sein Schicksal war mit dem Schicksal der anderen verbunden, ihre Existenz bedeutet auch seine, und ihr Verschwinden bedeutet, dass auch er niemals da war.
Sie stand eilig auf, schüttelte den Staub von ihrer Kleidung, richtete mit ihren Händen ihr Haar und lief langsam aus dem Ort hinaus.

Die Gegenstände und die Erinnerungen, die weit weg sind, sind nicht wirklich weg, sondern dringen in uns ein, werden von unserem Blut aufgenommen und verschmelzen so mit unseren Zellen, dass sie uns zu täuschen vermögen. Sie spiegeln uns vor, dass das Erinnerungsvermögen sie vollständig gelöscht habe, um uns plötzlich damit zu überraschen, dass sie wie einzelne Splitter hervortreten. Die Erinnerungen rufen einen Gesamtzustand ohne klare Einzelheiten hervor ... Einen Zustand, der uns traurig oder sehnsüchtig oder glücklich macht, ohne dass wir jemals an seine Ursache gelangen können.

So vermag der Duft von Pfefferminze und von Basilikum Sofia mit Haut und Haar zurückzuholen, und eine Rauchwolke könnte an Yussif erinnern. Ein grimmiger Gesichtsausdruck ließe sofort die Züge von Nargis und ein Beerdigungszelt die friedliche Seele von Salih auftauchen. Aber was wird wohl Mariam hinterlassen, wenn ihr Ende gekommen ist? Was bleibt von ihr im Bewusstsein von höchstens zwei oder drei Menschen?
Mariam bewegt sich in einer Stadt aus Papier ... Nur Gebäude und Straßen aus Karton, die darauf warten, von etwas Gegenwind völlig weggefegt zu werden und die Ruine freizulegen, die ihr Wesen ausmacht.
Riesige Holzwürmer nagen an allem ... raffinierte Holzwürmer, die, um nicht entdeckt zu werden, sich sehr langsam den Weg zum Herzen der Dinge durchnagen.
Die Stadt ist in leichtes Dunkel gehüllt. Mariam bewegt sich darin ohne zu wissen, was um sie herum geschieht ... Ihr Gehirn arbeitet schnell und chaotisch, aber es ist unfähig zu begreifen. In diesem Augenblick ist sie nicht nur mit dem Verschwinden von Yahia oder dem Schicksal von Radwa beschäftigt ... Sie sucht nach dem, was tiefer verborgen liegt ... Sie sucht eine Antwort auf die Frage, was alle in den Wahnsinn trieb. War Sofias Wahnsinn der Auslöser für alles andere? Oder ist vielmehr der Wahnsinn das Eigentliche und alles andere bloß ein Produkt der Fantasie?

Yahia hatte sie in seine Welt geholt. Er hatte sie von all dem getrennt, mit dem sie sich verbunden gefühlt hatte, und wollte ihre Seele erobern. Er drängte sie zu all dem, was sie für ein schweres Verbrechen hielt. Bei ihm hatte sie keine Sekunde innegehalten, um zu überlegen, was da ablief ... Sie hatte nichts von der Wirklichkeit, die sie umgab, bemerkt. Wenn sie an ihre gemeinsame Beziehung zurückdenkt, hat sie das Gefühl, dass sie sich beide in einer tödlichen Leere bewegt haben.
Am ersten Tag in seinem Haus hat sie sich wie eine Schlafwandlerin bewegt. Vorsichtig berührte sie die Gegenstände, ging von der Küche in den Salon, dann in sein Arbeitszimmer, klopfte an die Möbel, während er sie verwundert beobachtete.
Sie war von etwas beherrscht und versuchte abermals, sich davon zu befreien – dem Geruch des Todes, der in Yahia wohnte ... Ein Geruch, der von ihm ausging, ihn umhüllte und mit einer geheimnisvollen Aura umgab. In ihrem Leben mit Yahia hatte sie den Tod eingeatmet in einer Weise, die sie nie verstanden hatte.
Alles, was sie heute mit ihm verbindet, sind verschwommene, ungeordnete, zusammenhanglose Erinnerungen. Manchmal erinnert sie sich an viele Einzelheiten, die sich zu vollständigen klaren Szenen zusammenfügen. Was sie aber nie herauszufinden vermag, ist die Antwort auf die Frage, ob diese Szenen und Ereignisse wirklich stattgefunden haben oder nicht. Ihr Gedächtnis wird von Yahias kindlichem Lächeln und seinem klugen, beobachtenden Blick überschwemmt. Aber sie fragt sich erneut: Wenn es diesen Menschen wirklich gibt, wo ist er dann hingegangen?
Gestern in der Wohnung in Abdin, beim Stöbern in alten Unterlagen in der hölzernen Kiste von Sofia, fand sie die Heiratsurkunde des Ehepaares Mariam Yussif at-Tagi und Yahia al-Gindi. Mariam zeigte auf dem Foto der Urkunde dieselben Merkmale wie ihr Gesicht jetzt: dunkler Teint, schulterlanges kohlschwarzes Haar und schwarze Augen. Weit entfernt von Mariam, wie sie sie kannte, mit ihrem langen braunen Haar, ihrer feinen Nase, ihrem honigfarbenen, versonnenen Blick, den sie von Sofia geerbt hatte. Das Bild von Yahia hingegen entsprach genauestens ihrer Erinnerung.
Was sie aber wirklich erstaunte, war die Existenz einer Heiratsurkunde überhaupt ... Sie war schon immer überzeugt gewesen, dass sie Yahia nicht geheiratet und dass ein solches Dokument nicht existiert hatte.
Am Anfang ihrer Beziehung hatte sie einen Traum, in dem sie nackt in seinen Armen lag. Er war ebenfalls nackt. Während er sie heftig umarmte, ging die Tür auf und Yussif, Nargis, Kauthar, Salih, Zainab und fremde Kinder kamen herein und riefen ihren Namen. Sie schrie »Oh, welche Schande ... was für eine Schande«. Sie wiederholte diese Worte verzweifelt und melodramatisch, während sie versuchte, sich zuzudecken. Mariam spürt, dass dieser Traum bezeichnend war für ihre Beziehung zu Yahia und diese noch immer bestimmt.
Wenn sie mit ihm zusammen war, fühlte sie sich immer von jemandem beobachtet, der ihre verzweifelten Versuche verspottete, sich ins Leben zu integrieren. War er wirklich ein Redakteur dieser Zeitung? Warum fand sie dort keine Spur von ihm, und wie hatte sie ihn dann getroffen?
Mariam findet keine Antwort auf all diese Fragen. Sie muss ihren Zustand der Verlorenheit hinnehmen und sich auf die einfachsten Dinge stützen, deren sie sich sicher ist.
Die Wohnung von Yahia war nicht groß. Seine Räume waren geordnet, nichts dort war der Fantasie überlassen, es gab wenig freien Platz. Yahia war bemüht, die Räume mit Möbeln vollzustellen. Als ob diese Möbelstücke den Ort festzurren und ihn daran hindern würden, abzuheben und zu verschwinden. Auch die Wände waren voll mit Bildern und Fotos.
Manchmal hatte Mariam das Gefühl, als ob ein kleines Kind an ihrem gemeinsamen Leben teilgenommen hätte. Aber sie erinnerte sich nur an die blonden Haare und die honigfarbenen Augen dieses Kindes. War das ihr Kind? Aber sie war nie schwanger und hatte nie eine Geburt, das hätte sich in ihrem Innern eingegraben. Außerdem war an ihrem Körper keine Spur davon zu sehen.

Wer ist denn dann dieses Kind? Gehörte es nur zu Yahia alleine? Seit Mariams Leben sich plötzlich verändert hat und nurmehr aus Fragen besteht, beschleicht sie das Gefühl, dass die Lösung des Rätsels in erster Linie in der Hand von Yahia liegt und in zweiter Linie in der von Radwa. Und dieses plötzliche Verschwinden der beiden tötet sie ... Gibt es etwa einen Zusammenhang zwischen ihnen?
Sie versuchte mehrmals vergeblich, Yahias Haus zu finden. Ihres Wissens wohnte er in einer bestimmten Straße in Manial (auf der Nilinsel, Anm. d. Übers.). Doch als sie auf dieser Straße in Richtung des Hauses ging, in dem seine Wohnung sein sollte, stand sie zu ihrem Erstaunen vor einem anderen, ihr unbekannten Gebäude, an dem sie niemals zuvor vorbei-gegangen war. Sie überwand ihre Verwirrung und fragte den Türhüter nach der Wohnung. Der Mann sah sie angewidert an, als ob sie etwas verbrochen hätte, und verfluchte die leichten Mädchen. Kurz davor bewusstlos zu werden, schleppte sie sich von ihm weg.
Die Straßen verwandelten sich für sie in bösartige Wesen, die sich in einem furchterregenden, sich wiederholenden Spiel gegen sie verschworen. Das Spiel lief immer vollkommen gleich ab. Es glich einem großen Labyrinth, das von geschickter Hand angelegt war, damit sich Mariam darin verlief. Mariam vermied es, auf den Straßen dieser gespenstischen Stadt zu gehen, deren Licht so spärlich war, dass auch die Laternen nichts daran ändern konnten.
Früher hatte Mariam die Straßen der Stadt in- und auswendig gekannt. Sie hatte es geliebt, auf ihnen zu flanieren. Mit liebevollem Blick hatte sie den Staub auf den Häusern und den Bäumen und die Wolken von Abgasen angesehen. Sie hatte selbst die Plätze der Bettler gekannt. Jetzt stand sie einer anderen höllischen Stadt gegenüber, die versuchte, Mariam das Leben zu rauben. Sie erkannte keinen der Einwohner, so als ob sie alle durch andere Wesen ersetzt worden wären – Wesen, die versuchten die Stadtbewohner zu imitieren, damit das Spiel nicht durchschaut würde und jeder in seinem eigenen Labyrinth gefangen bliebe. Oder warum sonst erkennt Mariam jetzt keinen ihrer Lieblingsplätze mehr? Warum sind alle, die sie kannte, verschwunden und haben sie in dieser Leere zurückgelassen?
»Das problematische Weib« – so hatte Yahia sie genannt. Wieso sind ihre Rollen jetzt vertauscht? Er hat sich in einen Menschen aus Quecksilber verwandelt, der zwischen ihren Fingern zerrinnt. Er war stets davon überzeugt, sie würde ihn auf jeden Fall vernichten. Jetzt ist sie sich nicht mehr sicher, ob er es ernst gemeint hatte oder ob es nur Spaß war. Sie wiederum hatte in seiner Nähe den Eindruck, er bringe sie dem Tod näher. Einem sanften und freundlichen Tod, an den man sich gewöhnen könnte. Mariam hatte ihm gegenüber oft ein schlechtes Gewissen wegen dieses Gefühls, doch sie war dagegen machtlos, denn der Todesgeruch, da täuschte sich Mariams Nase nicht, strömte aus seinem Körper, trotz seiner Lebendigkeit und seiner Lebensbejahung. Im Gegensatz zu Yussif liebte Yahia das Leben, setzte sich mit ihm auseinander und versuchte mit allen Mitteln, auch Mariam zu dieser Haltung zu bringen. Er wusste, dass sie aus einer Familie stammte, die aus Toten bestand. Tote, die nichts anderes waren als neblige Erinnerungen, hinter denen keine Menschen zu vermuten sind und die sich in Vorspiegelungen verwandelten: in den Duft von Pfefferminze und Basilikum, in ein Beerdigungszelt, in einen grimmigen Gesichtsausdruck und in Rauchwolken von Haschisch-Zigaretten.
Mariam versuchte, über den Tod zu philosophieren, aber sie fiel in seine geschickt aufgestellten Fallen. Sie hatte sich immer eingeredet, der Tod wohne in Yahia und hatte nie inne- gehalten, um zu überlegen, ob er wirklich in ihm oder vielleicht doch in ihr wohne. Die kindlichen Augen Yahias brachten Mariam ihrem unausweichlichen Schicksal näher. Die zwanzig Jahre Altersunterschied zwischen ihnen hätten ausgereicht, ihr viele interessante Geschichten zu bescheren, die sie erregt angehört hätte. Sie hätten ihre Vorstellung, Yahia sei nur ein Synonym für den Tod, der über ihrem Leben schwebt, verdrängt.
Jetzt geht Mariam oft auf den Straßen der Innenstadt spazieren, die sich wie die Arme eines Tintenfischs ausstrecken. Sie verlangsamt ihren Gang vor den Plätzen, an denen sie früher zusammen waren und schaut sich die Gesichter der Gäste hinter den gläsernen Vitrinen der Kaffeehäuser an. Sie erkennt aber niemanden von ihnen, obwohl sie diese Plätze so oft besucht hat. Sie bleibt auf ihrem nicht enden wollenden Weg, ist aber von Furcht erfüllt, wenn sie nachts die Qasr-an-Nil-Straße betritt. Auf der Kreuzung mit der Scharif-Straße spürt Mariam, dass all ihre Furcht vor diesem Viertel Kairos berechtigt ist. Denn dieser Teil von Qasr an-Nil sieht so aus, als ob er einer Horrorgeschichte entstamme. Er ist geprägt von Dunkelheit und lauter verfallenen Gebäuden, die wie Ungeheuer aus alten Sagen aussehen, und er ist menschenleer.

Aus dem Arabischen von Magdi Gohary, Christine von dem Knesebeck

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