Tagebuch einer zerrissenen Stadt - Somaya El Sousi

Auf dem Nachhauseweg werde ich Zeuge verschiedener Szenen, die ich inzwischen gewohnt bin und schon auswendig kenne.
Traurige Gesichter, die nach einem Stückchen Hoffnung suchen. Das Elend auf den Straßen, die überfüllt sind von Bewaffneten. Ich kann mir nicht erklären, wo die alle herkommen. In zahllosen Rundfunk¬sendern ertönt immer wieder dieselbe absurde Symphonie, vermischt mit Nachrichten von Toten, Blut und gegenseitigen Anschuldigungen, die ich nicht verstehe. Das blutige Theaterstück geht weiter und niemand ist in der Lage, es zu beenden. Wände mit Bildern, Slogans und Werbeplakaten, die übereinander geklebt sind und denen man nicht mehr entnehmen kann, wozu sie eigentlich aufgerufen haben. Das einzige Geräusch, das ständig zu hören ist, sind die Gefechtsschüsse, die man plötzlich von allen Seiten vernimmt.
Inmitten der Einzelheiten dieser täglich wiederkehrenden Szenen erwache ich aus meinem Gang durch die Stadt, als ich die Haltestelle für Sammeltaxis erreiche, von wo aus ich schließlich nach Hause gelange. Dort höre ich von all dem nur wenig und kann mich hinter einer Wand verstecken, die zwar nicht verhindern wird, dass etwas von der Außenwelt zu mir hereindringt, mir jedoch ein scheinbares Gefühl von Sicherheit und Freiheit gibt, die aus den Straßen der todmüden Stadt verschwunden sind.
Ich schaue in das Gesicht meiner Tochter, die sich vergewissern will, ob mein Nachhauseweg sicher war und ob ich die letzten Neuigkeiten darüber gehört habe, was gestern und heute passiert ist oder morgen passieren wird. Ich habe Mitleid mit ihr und einer Kindheit, die sie und all die anderen Kinder in ihrem Alter verloren haben, während sie schon Experten in gängigen Waffenarten sind, Schussgeräusche voneinander unterscheiden können und anhand von Gang und Kleidung erkennen, zu welcher politischen Abteilung ein bewaffneter Kämpfer gehört.
Sie haben keine Zeit, Kind zu sein, denn sie wachsen in einer Stadt auf, in der die Menschen ohne Alter und ohne Gesichtszüge sind. Sie verbergen ihre Angst hinter ihren Schreien, die nachahmen, was sie sehen. Und in ihren kleinen Träumen stürzt alles auf sie ein, was passiert ist. Sie versuchen zu verstehen, was geschieht. Sie fragen und fragen, aber niemand antwortet, denn die Fragen haben ihre Bedeutung verloren und die Antworten können nichts mehr beschreiben oder erklären. Wir flüchten vor ihren Fragen und ihren Augen, die unsere Unfähigkeit widerspiegeln, sie zu beschützen und ihnen die Zeit zu geben, wie andere Kinder normal groß zu werden; aufzuwachsen ohne all diese Widersprüche und nicht schlaflos zu sein, weil sie sich Gedanken darüber machen, was morgen geschehen wird.
Andere Kinder in Kampfkleidung lieben diese Gewaltspiele und die Logik der Herrschaft und stolzieren blutrünstig durch die Straßen: Sie folgen einem geheimen Ruf, der sie ins Unbekannte entführt und am Ende in die Leichenhalle bringt, und so werden sie zu neuen Opfern dieser unsicheren Lage und des Chaos‘ der Waffen.
Wie jeden Tag fällt der Strom aus, um aufs Neue meinen Stolz zu brechen. Ich führe einen endlosen Dialog mit mir selbst: In dieser Stadt gibt es für nichts mehr Platz. Alle Türen sind verschlossen und keiner hört den anderen.
Ein absurder Krieg zerstört uns alle restlos und vernichtet, was noch übrig ist von einem Volk, das müde ist von Kämpfen und Blockaden. Es ist, als wäre es zu viel von uns verlangt, wie normale Menschen in einer sicheren Gesellschaft zu leben, als weigerte sich der Lärm von Zerstörung und Raketen, uns zu verlassen. Wir scheinen ihn zu vermissen und bringen ihn gehorsam zurück, diesmal tun wir es, mit unseren eigenen Händen, nicht unsere Feinde. Als wären der Geruch und die Farbe von Blut zu einer Würze des Alltags geworden, an die wir uns so sehr gewöhnt haben, dass wir nicht mehr zwischen dem Blut des Bruders oder Freundes und dem Blut des Feindes unterscheiden.
Wir haben viel, viel verloren. Zuallererst uns selbst.
Die Heimat ist keine Heimat mehr und die palästinensische Sache ist nicht mehr, was sie einmal war. Wir schämen uns zu sagen, dass wir Söhne und Töchter dieses Landes sind.
Im normalen Alltag ist heute alles erlaubt, selbst das Blut oder die Heiligkeit des Landes sind niemandem mehr heilig.
Wir zählen weiterhin täglich unsere Toten und zerstören unsere Stadt wieder und wieder. Hat auch nur einer von uns je versucht, in sich hineinzuschauen und einen kleinen Rest jenes Menschen zu finden, der geboren und aufgewachsen ist im Heiligen Land und erfüllt von Opferbereitschaft? Wo ist all dies hin? Welche Interessen und Begierden führen uns immer weiter an den Abgrund?

Aus dem Arabischen von Jessica Siepelmeyer
Unveröffentlichter Text der Autorin