Die Verrückte des Dorfes – Fatima Naoot


Ich muss weinen,
ja!
Ich, das Mädchen,
das die Straßen miteinander verwechselt
und sich mit Zahlen und dem Einmaleins vertut.
Das Mädchen, das immerzu lacht
und das Lächeln der Passanten herunterschluckt,
wenn es nicht weiß,
ob es Spott oder Mitleid ist.
Sie trägt ihre Katze vor der Brust,
durchstreift die Straßen des Dorfes mit ihrem schäbigen Gewand und ihrem struppigen Haar,
und aus ihrer löchrigen Tasche
fallen Bohnenhülsen
und Stücke trockenen Brotes.
Ihre Zähne sind wegen des vielen Lachens ausgefallen,
sie hat sie heruntergeschluckt,
weil sie keine Mutter hatte,
die ihr das Sonnenritual beibrachte:
„O Sonne, o Sönnchen …“ ,*
und weil eine alte Frau,
die am Tor der Schöpfung sitzt,
ihr erzählte,
wenn man einen Zahn schlucke,
wachse ein anderer nach.
Daher warf sie die trockenen Brotstückchen nicht fort
und verschob das Kauen ihrer gelben Fingernägel
auf die Saison der Zähne.
Allein,
einsam,
ohne Eltern
oder Freunde,
die Menschen verweigerten ihr die Liebe.
Sie singt,
obwohl sie lispelt
und weder S noch SCH noch ein scharfes S sagen kann.
Beim Dorfbach fiel ein Mann über sie her
und machte ihr ein Mädchen,
das sie mit ihrem trockenen Brot fütterte
und das dann starb.
Sie hat keine Familie. Warum verweigern ihr die Menschen die Liebe?
Sie dachte nach und entschloss sich schließlich
zu weinen.
Ja!
Die Verrückte des Dorfes
muss jetzt weinen,
an deiner Schulter,
du, der du sie nicht ausschimpfst,
wenn sie beim Zählen ihrer Finger durcheinander kommt,
und der nicht heimlich auf ihre Schenkel blickt,
wenn sie das Kleid
vor dem heißen Backofen lüpft.

Kairo, Dezember 2006

Aus dem Arabischen von Sarjoun Karam

* = Ägyptischer Kinderreim, der aufgesagt wird beim Verlust eines Zahns: “O Sonne, o Sönnchen, nimm der Kuh diesen Zahn und bring mir den Zahn der Braut.“