Schwanengesang - Mekkawi Said

Ich besitze eine »Beretta«, eine 9mm Pistole. Alle neun Schüsse befinden sich noch im Magazin. Ich bewahre sie seit vielen Jahren auf. Oft vergehen etliche Jahre, ohne dass ich mich je daran erinnere, dann kümmere ich mich wieder alle paar Monate um sie. Ich taste an ihrer Öffnung herum und säubere sie mit einem in Alkohol getränkten Wollstoff. Ich befühle die Verzierung ihres Griffes, lasse meine Gedanken schweifen und stelle mir einen Feind vor, auf den ich ziele und den ich zwischen die Augen treffe. Ich fühle mich dann nur wohl, wenn ich seinen zerfetzten Schädel auf den Boden fallen und aus ihm Blut spritzen sehe. Kein Mensch auf Erden weiß, dass ich sie besitze; weder meine Geschwister noch Freunde, noch meine Geliebten oder Mätressen. Ich habe sie in einem Aktenkoffer mit Kombinationsschloss im Keller unseres Hauses im Stadtteil El-Haram versteckt. Denn ich habe weder eine Rechnung noch einen Waffenschein. Mir gefiel einfach diese Idee sehr, jemanden mit einer Pistole unbekannter Herkunft zu töten oder damit getötet zu werden.

Viele öde Tage vergehen und mein hinterlistiges Unterbewusstsein erinnert mich nicht im Geringsten an sie. Wenn ich mich wieder in meinem Normalzustand befinde, wird mir bewusst, dass es noch nicht so weit ist. Dann befürchte ich, dass dieses schreckliche Unterbewusstsein ein noch schrecklicheres Ende für mich bereithält.
Ich befinde mich jetzt nämlich in einer Art psychischer Genesungsphase, nachdem ich das Magazin entleert, es gesäubert und wieder mit Patronen gefüllt habe. Ich habe die Pistole wieder in ihr Versteck zurückgelegt und mich in den Erinnerungen der Vergangenheit verloren – wie ich mit Yousef Helmy, dem ehemaligen Filmproduktionsdirektor und Kinoproduzenten, auf dem Bürgersteig der Kasr-Al-Aini-Straße saß; ich erinnere mich an seine interessanten und aufregenden Geschichten über die Prominenz der Kunstszene, ihre Anekdoten und Skandale. Damals war ich ein junger Mann: erst vor wenigen Monaten hatte ich mein Studium beendet, doch der Traum, als Journalist zu arbeiten, trug mich fort vom anstrengenden Lehrerberuf. Da lernte ich ihn über einen gemeinsamen Bekannten, den Inhaber einer Bäckerei in der Kasr-Al-Aini-Straße, kennen. Yousef war einer seiner Kunden und es verband sie eine Art Freundschaft und Zuneigung. Wann immer der Bäckereibesitzer ihn sah, stellte er ihm einen Stuhl bereit und bestellte Kaffee. Wenn keine Kunden in der Bäckerei waren, ging er zu ihm hinaus, um mit ihm zu plaudern. Nachdem ich mich mehrmals mit ihm unterhalten hatte, fasste er Vertrauen zu mir und begann mich nach meinen Zukunftsplänen zu fragen. Ich erzählte ihm von meinem Traum, als Journalist zu arbeiten, und fragte, ob ich vielleicht seine Erinnerungen an sein Leben in der Filmbranche aufzeichnen könnte, um sie dann einer ägyptischen Zeitung oder einer Beiruter Illustrierten anzubieten und mir damit den Weg nach oben zu bahnen.
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Aus dem Arabischen von Ola Adel

Aus Mekkawi Said
Taghridat al-baja (Schwanengesang)
Al-Dar, Kairo 2007