Elegie für Amadou Diallo* - Taha Adnan

Sei willkommen in New York,
wo die Hammams überall verbreitet sind
unter dem Himmel, der nicht mehr frei ist,
wo sich tatkräftige Beamtinnen
in klassisch-elegante Anzüge
und derbe Sportschuhe kleiden,
wo dicke Frauen Hot Dogs essen,
ohne dabei zu rülpsen,
und wo sich keiner in die Angelegenheiten anderer einmischt

Hier werden ewig Herumziehende sesshaft
hier bleiben Fußgänger stehen
Ziehe deine Sandalen nicht aus, Besucher,
denn das Tal ist nicht heilig
Tritt ruhig fest auf,
denn hier sind keine sterblichen Überreste,
keine Vorfahren
und keine Gräber
Schreite voran mit selbstbewusst-hallendem Schritt,
denn niemand verirrt sich
in diesem trefflichen Labyrinth

Sei willkommen in New York,
wo die Freiheit
in Form einer Statue
stehend schläft,
von Blitzlicht getroffen,
von Touristen belagert
Eine Statue, die alles sieht
und hört
und dann verstummt

Sei willkommen in New York
Hier hat die Erde
den Himmel gekratzt
Sie missbrauchte seine Geheimnisse
Er suchte Zuflucht vor ihr bei den Sternen
Doch dann hängte sie seine Leiche auf
über den morschen Ast der Milchstraße
Sei willkommen in New York,
wo wir eine Schule gründen, getreu
dem Bild der Zukunft
Hier erschaffen wir der Welt eine neue Sprache,
ihre einzige Sprache
und denken für uns alle über ein Leben in Sicherheit nach,
ein Leben ohne Gefühle
und ohne Hass

Sei willkommen in New York
Hier schossen die Cowboys
einundvierzig Mal
auf Amadou Diallo,
nur, weil sie seiner Hautfarbe misstrauten
Hier nahm der Junge aus Guinea Abschied von seinem Traum,
den Umgang mit dem Computer zu erlernen
und im Silicon Valley
die Elektronen zu hüten

Hier rief das Blut
das Blut um Hilfe:
Mein schwarzer Bruder,
du Spross Afrikas, des gemarterten
Sieh nur, wie deine makellosen weißen Landsleute
mir statt des Programmierens
das Schwimmen in geronnenem Blut beibringen

Mein Bruder, ich sterbe, weil ich einen
hellen Traum habe
Meine Schuld ist, dass ich
meine Narbe und meinen Staub mit mir trage
und nach einer Heimat
aus Schatten
und Wasser suche
Hier verleugnete das Blut
seinesgleichen:
Bin ich jetzt dein Bruder geworden?
Wo warst du, Cousin,
als sie meinen Großvater in die Sklaverei abführten,
zu ihren Farmen im Süden?
Wer deiner Verwandten hat ihn verteidigt?
Wer hat für ihn gekämpft?
Und wer …?

Also treibe jetzt allein in deinem Blut
oder tauche bis zu den Ursprüngen darin ein
Afrika ist die Hölle auf Erden
und seine Söhne sind verdammt
ohne Schuld

Die sich ausdehnende Dürre erklimmt
den Baum der Erde,
und Afrika
ist sein verstümmelter Rumpf

Und du, du fröhliches weißes Volk,
du Volk, hinter die Statue gebunden
Du überwachtes Volk des Paradieses
Schwelge in der Freiheit! Wie glücklich du bist!
Wähle aus, wie es dir beliebt!
Wähle zwischen Coca-Cola und Pepsi-Cola,
zwischen McDonald‘s und Burger King,
zwischen Pizza Hut und Domino’s Pizza,
zwischen Visa und Master Card,
zwischen lebenslänglich und Todesstrafe
Wähle zwischen Tel Aviv und Jerusalem,
zwischen Amerika und Amerika
Wähle aus, du fröhlich-freies Volk!
Wähle zwischen George Sam und
George W. Sam,
wähle und kümmer’ dich nicht um das Blut von Ham
und seine wirren Träume
von einem Computer
und vielleicht von einer farbigen Geliebten,
in deren Armen
er den Tod vergisst, der ihm dort auflauert
die schwarze Dürre
und den verstümmelten Baumrumpf

Aus dem Arabischen von Hussein Gaafar

Aus Taha Adnan
Wa liya fi ha anakibu ukhra (Es gibt bei mir noch andere Spinnen)
Manshurat wizarat ath-thaqafa al-maghribiyya, Marokko 2003

ANMERKUNGEN
1 Ein junger Mann, der mit vier Schüssen von Sicherheitskräften vor seinem Haus im New Yorker Stadtteil Bronx getötet wurde. Dieser Vorfall führte zum Ausbruch von heftigen Demonstrationen unter der schwarzen Bevölkerung New Yorks, die drei Wochen lang anhielten.