Mariam al-Saadi - die Alte


Mariam al-Saadi - die Alte

Sie nennen sie die Alte. Ihre Kinder und auch die anderen. Sie ist eine altmodische Frau. So eine von früher. Ihre Kleider riechen nach ihren Schafen und dem Rost ihrer alten Truhe. Nie hatte sie daran gedacht, sich für den Tag zurecht zu machen. Sie hatte nie verstanden, warum sie anständig aussehen musste. Sie glaubte nicht, dass ihr Aussehen unpassend war.

Genau genommen war es ihr völlig gleichgültig, wie sie aussah. Sie gehörte zu jenen Frauen, die viele Kinder gebären. Jenen Frauen, die es den Männern nicht erlaubten, ihr Gesicht zu sehen, da dies als schamlos galt. Jenen Frauen, die ihre Männer noch nicht einmal beim Namen nennen, sondern nur »der Mann« sagen, denn er ist nun mal der Mann und fertig. Sie gehörte zu jenen Frauen, die sich nie als eigenständige Personen angesehen hätten, sondern nur als Ehefrauen und Mütter von irgendjemandem oder Hüterin einer bestimmten Schafherde. Das abgeschiedene Leben in der Wüste war sie gewohnt. Wüste, Sand und Durst, so weit der Horizont reichte.

Im Zelt ihre Söhne, und vor Sonnenuntergang musste sie mit dem Melken der Schafe fertig sein. Das Brot war gemischt mit der Asche des Feuers. Es war die köstlichste Mahlzeit nach einem heißen, beschwerlichen und immer wiederkehrenden Tag. Nein ... beschwerlich war er nicht. Es war ein Tag. Es war nur ein Tag. Er wiederholte sich nicht. Einfach nur ein Tag. Sie kannte es nicht anders, so mussten die Tage sein. Ihre Schafe waren ihre Töchter und die Böcke ihre Söhne. Sie kannte ihre Namen ... ihre Farbe ... ihre Gestalt. Sie bedeuteten ihr mehr als ihre eigenen Kinder.

In jenen Tagen war sie »die Frau«, ihren Namen kannte man nicht. Ihre Kinder wurden auf ihren Namen erst aufmerksam, als sie ihre Todesurkunde ausstellen ließen. Die Beziehung mit dem »Mann« nahm sie hin, wie sie war. Alle Beziehungen waren so. Sie stritten sich viel. Wegen ihrer Schafe und seiner Schafe. Aber am Ende war er »der Mann« und sie »die Frau« und sie brauchten einander. Es war, wie es war.

Als die Jungen größer wurden, wurde sie als »die Alte« bekannt. »Der Alte« war vor einiger Zeit gestorben, weshalb sie von nun an bei einem ihrer Söhne leben sollte. Die Söhne wurden größer. Sehr groß. Und da sie so groß geworden waren, erkannte »die Alte« ihre Kinder nicht mehr.

Der Älteste hatte einen hohen Rang in der Armee, der Zweitälteste einen noch höheren Posten bei der Polizei. Der dritte Sohn hatte eine angesehene Stelle in einer Regierungseinrichtung und der nächste war Professor an der Universität. Der Jüngste war zum Studium ins Ausland gegangen und bisher noch nicht zurückgekehrt. Die Töchter wohnten in großen Häusern.
Die Alte jedoch weigerte sich, ihr Zelt zu verlassen. Die Leute warfen den Söhnen vor, sie würden die Alte vernachlässigen. Es war diesen unangenehm, wenn sie auf ihre Mutter angesprochen wurden, denn die Fehler und die Schmach der Alten fielen ja auf sie zurück.

Die Söhne bestanden darauf, dass sie zu ihnen zog. Sie lockten sie mit kaltem Wasser. Mit klimatisierten Zimmern und einem weichen Bett. Und damit, dass sie sie für die Jahre der Entbehrung entschädigen würden. Mit den Enkelkindern, die sich um sie scharen würden. Sie versprachen ihr, dass sie ihre Schafe jede Woche besuchen könne. Und schließlich gab sie nach.

Im Haus des großen Sohnes. Das Zimmer war kalt. Das Bett war kalt. Das Haus war kalt. Die Familie war kalt. Sie vergaß, dass sie eine Stimme hatte. Es gab keine Schafe mehr, die mit ihr sprachen. Sie wusste nicht, wie ihre Enkelkinder aussahen, da sie noch nicht aus der Schule zurückgekehrt waren. Sie verwechselte das Dienstmädchen mit ihrer Schwiegertochter und wunderte sich, dass es kein Arabisch verstand.

Als es immer kälter wurde, wollte sie zu ihrem anderen Sohn ziehen. Von diesem dann zum anderen, zum nächsten und dann zu ihren Töchtern. Sie zog zwischen ihnen umher. Alle ihre Häuser waren kalt. Sie wollte zu ihren Schafen zurück, aber diese waren eines nach dem anderen gestorben. Sie hatte sie nicht gesehen. Weder einmal die Woche, noch einmal im Monat, noch einmal im Jahr. Eine der Alten hatte ihr bei einem flüchtigen Besuch berichtet, dass ihre Schafe verendet seien. Natürlich glaubte sie ihr nicht. Sie beschuldigte sie, die Schafe gestohlen zu haben. Sie wollte sich selbst davon überzeugen und ging hinaus auf die Straße, um zu ihrem Zelt zurückzukehren. Zu ihren geliebten Schafen. Das bräunliche Schaf war kurz davor zu werfen. Sie wollte wissen, was es wird. Junge oder Mädchen? Oder vielleicht Zwillinge? Bräunlich oder schwarz ... oder vielleicht weiß? Vielleicht ja auch etwas von diesem und jenem. Sie musste sie unbedingt sehen, denn den kleinen Lämmern könnte ja vielleicht etwas zustoßen und die großen Schafe brauchten Zuwendung. Schließlich war sie ja einige Zeit weit weg gewesen. Sie hatte nichts mitbekommen. Sie musste zurückkehren. Sie zog ihre verblasste leichte Abaya an. Sie wollte zu ihren Schafen zurück. Mitten im Gedränge der Straße wurde sie von der Nachbarin ihrer Tochter erkannt. Diese brachte sie zum Haus der Tochter zurück. »Sie stand mitten auf der Straße, wie eine Feder im Wind.« Die Kinder der Nachbarin brachen in Gelächter aus und riefen: »Sie war wie eine Besenhexe! Sie hat schrecklich ausgesehen!« Ihre fromme Schwiegertochter betrachtete ihr zerlumptes Kleid und ihre abgenutzte Abaya und jammerte: »Oh Gott! Man kann die Haut deiner Mutter sehen. Und sie schämt sich nicht einmal!« Jeder hatte etwas dazu zu sagen. »Du hast uns vor den Leuten blamiert. Möge Gott dir den richtigen Weg zeigen!«, schimpften sie schließlich gemeinsam auf sie ein. Die Alte kehrte in ihr kaltes Zimmer im hinteren Teil des Hauses zurück. Die Schwiegertochter brachte ihr neue Kleider. Der Sohn brachte ihr neue Pantoffeln. Die Tochter brachte ihr neue Abayas und Schals. Die andere Schwiegertochter brachte ihr Parfum und neue Schleier. Dem Dienstmädchen wurde aufgetragen, ihr ein heißes Mahl zuzubereiten, ihr Bett frisch zu beziehen und Räucherstäbchen in ihrem Zimmer anzuzünden. Sie gaben ihr den besten Honig zu essen. Sie bekam ein eigenes Dienstmädchen, das sie bediente ... und über sie wachte. Doch die Alte warf alles in den nächsten Mülleimer, nahm sich ihr zerlumptes Kleid und die löchrigen Pantoffeln, um sie zu flicken. Sie legte die abgetragene Abaya in ihre alte Truhe zurück, die nach Rost, ihren Schafen, ihrem Mann und ihrem alten Zelt roch.

Die Leute konnten bezeugen, dass die großen Söhne ihre Alte nicht vernachlässigten. Der Alten war aber einfach nicht zu helfen. Als die Leute mitbekamen, wie undankbar sie war, beruhigten sich die Kinder, denn sie hatten jetzt ein reines Gewissen. Die Alte zog sich zurück in ihr Zimmer und verließ es nicht mehr. Niemand außer ihrem Dienstmädchen durfte zu ihr kommen. Dieses brachte ihr Essen, das die Alte jedoch nie anrührte, denn sie wollte das Essen nicht, das die Söhne ihr bringen ließen. »Die alte Hexe! Möge Gott ihren Kindern die Kraft geben, sie zu ertragen!«

In einem lichten Moment beim Mittagessen kam der Sohn plötzlich auf die Idee, das Dienstmädchen doch einmal zu fragen, was die Alte denn eigentlich esse. »Sie isst getrockneten Joghurt und Brot, die sie in ihrer Kiste aufbewahrt.« Der Sohn schüttelte verwundert den Kopf und aß weiter. Die Ehefrau flehte Gott an, sie nicht zu so einer unheilvollen Alten werden zu lassen, die ihre Kinder quält und sie vor den Leuten bloßstellt.

Das Dienstmädchen weigerte sich, bei der Alten zu schlafen. Sie würde die ganze Zeit reden. Selbst im Schlaf. Sie würde viel erzählen. Sie riefe nach ihren Schafen. Sie streite sich mit ihrem »Alten«. Sie rufe die Jungs, damit sie vor Sonnenuntergang zum Zelt zurückkehrten.

Die Alte starb. Und alles war vorbereitet. Das Zelt für die Trauerfeier war vom Feinsten. Viele Leute waren anwesend. Freunde ihrer Kinder in hohen Positionen, ihre Nachbarn und Arbeitskollegen. Nachbarinnen, Freundinnen, Freundinnen der Enkelinnen und Freunde der Enkel, die dann doch noch aus der Schule zurückgekehrt waren. Selbst der ausgewanderte Sohn. Dieser war zurückgekehrt, um mit seinen Brüdern die Trauergäste zu empfangen. »Denn sonst würden die Leute darüber tratschen, warum er denn nicht zur Trauerfeier seiner Mutter gekommen sei.« Alles war nun in bester Ordnung. Es gab kein Getratsche. Und die Alte wurde standesgemäß begraben.

Aus dem Arabischen von Jessica Siepelmeyer

Aus Maryam wa-l-hadh as-sa‘id
(Mariam und das Glück)
Dar Malamih, Kairo 2008