In der Blüte des Lebens. Briefe an André – Taufiq al-Hakim

Diese Briefe richtete der ägyptische Dramatiker Taufiq al-Hakim an seinen Jugendfreund André, den er während seines Studienaufenthaltes in Paris – Ende der 1920er-Jahre – kennengelernt hatte und über den er auch in seinem Buch, Ein Vogel aus dem Orient, geschrieben hatte.
Paris, Rue de Bellebourg, am ...

Mein lieber André,
Deine Menschenkenntnis hat sich bewahrheitet. Die Fantasie hat mich zugrunde gerichtet, André. Ich bin unglücklich. Unglück bedeutet nicht Weinen, und Glück nicht Lachen. Ich lache den ganzen Tag, denn will ich nicht tränenerstickt sterben. Ich bin erledigt und gescheitert, in allen Dingen, und die Liebe war der letzte Ort, aus dem ich vertrieben wurde. Solltest Du aus meinem Mund von Zeit zu Zeit Hymnen der Kraft und Tapferkeit hören, so musst Du wissen, dass ich mir damit nur selbst Mut machen möchte, wie jemand, der in der Dunkelheit singt, um die Angst zu vertreiben.

Du glaubst, wenn Du das heute liest, ich schreibe Dir über Stärke und eine starke Person. Auf diese Weise versuche ich mir selbst einzureden, ich sei stark. Ich werde ruhig und finde Trost, wenn ich in meiner Einsamkeit von Stärke rede. Für einen Augenblick scheint mir dann, ich sei jene Person, über die Henrik Ibsen sagt: »Ein starker Mann ist ein einsamer Mann!« … Doch genug Worte über mich selbst verloren, ich verdiene es nicht, dass man mehr über mich redet.

Ich werde jetzt über Deine Lage und Deinen Brief sprechen, in dem Du all Deine Flüche gegen mich ausgestoßen hast. Zuvor möchte ich Dir sagen, wie froh ich bin, dass Du mit Deiner neuen Arbeit in der Fabrik in Lille zufrieden bist. Das ständig trübe Wetter dieser Stadt im Norden ist in jedem Fall besser als das trübe Antlitz des Lebens. Nur damit du es weißt, ich habe Germaine das letzte Mal am Mittwochabend gesehen als wir in Begleitung des kleinen Janou zusammen zu Abend gegessen haben. Ich sehe sie am kommenden Sonntag wieder. Sie kann mich nicht früher treffen, und sonntags hat sie ihren freien Tag in der Fabrik Corbineau. Ich brauche Dir nicht ihre starke Sehnsucht für Dich zu versichern. Du hast wirklich Glück, dass Deine Frau und Dein Sohn Dich so lieben!

Das Geld ist angekommen, der Rest Francs nun beglichen. Ich danke Dir und bitte Dich, nur bei mir Schulden zu machen und auch nur dann, wenn nötig. Denn ich weiß, Du bist manchmal verschwenderisch und leichtsinnig und machst hübschen Frauen gern schöne Augen. Du musst zur Einsicht kommen sonst berichte ich Germaine von all dem …

Aus dem Arabischen von Christian Junge