Du bist die Prophetin dieser Dunkelheit – Ghassan Kanafani

Ghassan Kanafani starb ganz unerwartet, an den Folgen eines israelischen Bombenanschlags, so dass Ghada Samman die Briefe, die sie ihm geschrieben hatte, nicht zurückbekommen konnte. Aus diesem Grund veröffentlichte sie nur seinen Teil der Briefe, die von der großen und unerfüllt gebliebenen Liebe zu Ghada Samman zeugen.

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Gaza, den 29. 11. 1966
Ghada,

all diese Adressen, die ich oben aufgelistet habe, so prächtig sie sich auch anhören mögen, sind nichts anderes als vier Tische am Strand des traurigen Meeres, und Du und ich gefangen in dieser kalten Phiole aus Einsamkeit und Langeweile. Es ist Morgen jetzt – letzte Nacht konnte ich aufgrund von Kopfschmerzen, die gleich einem geschlagenen Ameisenheer das Kissen emporkletterten, nicht schlafen. Am Frühstückstisch habe ich mich gefragt: Sind sie wirklich alle so belanglos oder ist es Deine Abwesenheit, die sie so erscheinen lässt? Dann kamen wir zusammen hierher: große wie kleine Namen, ich aber habe meinen Platz unter ihnen verlassen, habe mich hier abseits gesetzt, um zu schreiben. Von hier aus kann ich meinen leeren Stuhl an seinem passenden Platz sehen: präsent in ihrer Mitte, mehr, als ich es war.
Hier bin ich bekannt, ich könnte fast sagen, »beliebt«, weit mehr sogar, als ich erwartet habe. Dies ist jedoch etwas, was mich in der Regel erniedrigt. Denn ich weiß, dass ich nicht genug Zeit haben werde, um die Erwartungen der Menschen zu erfüllen, und ich weiß auch, dass ich nicht so sein kann, wie sie es von mir erwarten. Ich empfange Menschen Tag und Nacht. In den Geschäften hier bekomme ich, was ich brauche, fast kostenlos von den Händlern, und an jedem Ort, den ich besuche, werde ich sehr warm empfangen – eine Wärme, die mich allerdings die Kälte meines Körpers und meines Kopfes sowie die Kürze meiner Reise zu diesen Menschen und zu mir selbst um so mehr spüren lässt. Jetzt spüre ich mehr als zu jeder anderen Zeit, dass der Wert meiner Wörter allein darin bestand, ein impertinenter und nichtiger Ersatz für die Waffen zu sein, über die ich nicht verfügte. Diese Wörter lösen sich nun auf vor dem Glanz wahrer Männer, die jeden Tag für eine Sache sterben, die ich respektiere. Dies alles lässt mich eine tödliche Fremdheit und die Glückseligkeit eines nach langem Glauben und langer Qual Sterbenden spüren, aber auch eine vernichtende Erniedrigung …

Ich bin mir aber zumindest einer Sache sicher, und zwar wie sehr ich Dich schätze. Deinetwegen bin ich noch nicht wahnsinnig, deshalb weiß ich, wie klug, edel und schön Du bist. Du warst immer in meinem Leib, in meinen Lippen, in meinen Augen und in meinem Kopf. Du warst meine Qual und meine Sehnsucht und jenes Großartige, an das man sich erinnert, um zu leben und zurückzukehren … Ich habe die außergewöhnliche Fähigkeit – eine Fähigkeit, die ich sonst nicht kannte –, Dich mir vorzustellen und zu sehen … und wenn ich etwas sehe oder ein Wort höre, das ich für mich kommentiere, höre ich Deine Antwort darauf in meinem Ohr, als stündest Du Hand in Hand neben mir. Manchmal höre ich Dich lachen, manchmal höre ich, wie Du meine Meinung ablehnst oder vor mir einen Kommentar abgibst. Ich sehe den Leuten um mich herum in die Augen, um festzustellen, ob sie Dich neben mir sehen. Mit Dir zusammen begegne ich allen Problemen und setze ihnen das Messer der bitteren Wahrheit an die Kehle. Ich liebe Dich, meine kleine Schelmin, wie ich noch nie in meinem Leben geliebt habe. Ich kann mich an kein Glück erinnern, das dem Glück gleichkäme, welches mich vom Staub und Rost von dreißig Jahren reinigte, als Du in jener Nacht Beirut verließest und hierher kamst.

Ich flehe Dich an, lass mich immer bei Dir sein. Lass mich Dich sehen. Ich weiß, dass Du mir weit mehr bedeutest als ich Dir. Was soll ich aber tun? Ich weiß, dass die Welt gegen uns beide ist. Ich weiß aber auch, dass sie gegen uns beide in gleichem Maße ist; warum stellen wir uns ihnen denn nicht gemeinsam entgegen? Höre auf, mich zu quälen, denn weder ich noch Du verdienen es, auf diese Weise vernichtet zu werden. Was mich betrifft, so bin ich erniedrigt genug durch die Flucht. Ich will und werde die Flucht nicht mehr akzeptieren. Ich bleibe hinter Dir und bei Dir, auch wenn man mir die ganze Erdkugel auf die Schulter laden würde. Nichts in der Welt wird mich um Dich bringen, denn so, wie ich alles verloren hatte, bevor ich Dich traf, werde ich alles verlieren, wenn Du gehst.

(Ich kann Dich nicht hassen, deshalb suche ich Deine Liebe …) Ich gebe Dir die ganze Welt, wenn Du mich nur annimmst. Denn ich, meine kleine Schelmin, weiß, dass ich Dich liebe, und dass ich mit Deinem Verlust das Wertvollste, das ich habe, für immer verlieren würde …
Ich werde Dir schreiben, auch wenn ich wohl vor meinem nächsten Brief ankommen werde, denn ich werde Kairo am 5. Dezember verlassen. Und sei sicher, dass ich mich nach nichts anderem sehne als nach Dir.

Ghassan Kanafani

Aus dem Arabischen von Hafid Zghouli

Aus Rasa’il Ghassan Kanafani (Briefe von Ghassan Kanafani)

Ghada Samman Publications, Beirut