Randa Jarrar


Du bist ein 14-jähriges arabisches Mädel und gerade nach Texas gezogen

In dem Herbst, in dem du mit deiner Familie nach Amerika gezogen bist, stellte man fest, dass du TB hast, und der alte weiße Arzt zeigte auf das über zehn Zentimeter große Rechteck auf deinem Unterarm und sagte: »Das müsste 8 Zentimeter kleiner sein.« Er verordnete dir einen Haufen Medikamente, die deine Akne verschlimmerten, dich dreißig Pfund zunehmen ließen und dir ein allumfassendes Gefühl des in Kürze bevorstehenden Todes gaben. Wie üblich war deine Mama neidisch auf dich und wollte selbst diejenige sein, die stirbt; sie war das erste Mal ohne Klavier und du das erste Mal ohne Freunde zum Trösten. Das Fernsehen war voll von Werbung, und deine Familie ging zu oft zu McDonalds; die ersten paar Male hast du begeistert Hamburger gegessen, aber ein paar Monate später wurde dir klar, dass es ein übler Schnellimbiss war. Wenn ihr ins Kino gingt, musstest du deinen Eltern erklären, warum die Witze komisch waren. Lange nachdem der Abspann angefangen hatte, saßt ihr drei immer noch im Dunkeln und du übersetztest die rätselhafte Mordgeschichte des Films ins Arabische. Es gibt nichts Traurigeres als eine Vierzehnjährige, die ihren nicht mehr ganz jungen Eltern einen Film erklärt. In Amerika, denkst du, ist einen Film nicht verstehen dasselbe wie Analphabet sein. Es bräche dir das Herz, wenn du wirklich darüber nachdächtest, also solltest du nie darüber nachdenken, du solltest einfach zur Schule gehen, dein Mittagessen auf dem Boden neben der Bibliothek essen, dann in die Bibliothek gehen und den Rest der Pause damit verbringen, das Wörterbuch zu lesen.
Eines Tages will Jennifer Alvarez mit dir Mittag essen. Bald wollen das auch Jessica und Aisha, die schwarz ist und Muslimin und sich im Ramadan mit dir treffen will, damit ihr euch gegenseitig unterstützt. Wenn diese Mädchen beim Radio anrufen, geben sie dir irre shoutouts. Du weißt nicht, was ein shoutout ist, aber es gefällt dir, dass dein Name im Radio kommt, auch wenn sie ihn falsch aussprechen. Sie sind sechzehn, fahren klapprige alte Autos und wollen, dass du mit ihnen im Park abhängst, wenn's dunkel ist. Du sagst ihnen, dein Baba erlaubt das nicht. »Sie hat gesagt, ihr Papi spielt nicht mit«, übersetzen sie für einander.
Dann gab es Sachen, die es erträglich machten: dieses Fahrrad, das dein Vater und deine Mutter für dich kauften, als du nicht hinsahst, mit glänzendem Lenker, was ganz anderes als die ramponierten rostigen Räder, die du vom Haschisch-Junkie im Souk damals in Ma'moura mieten musstest; Oreo Schoko-Creme-Kekse; MTV; aber vor allem die Briefe von Fakhr el-Din, deinem besten Freund, der in Alexandria geblieben war und noch immer Fahrräder vom Haschisch-Junkie im Souk von Ma'moura mietete; Briefe, die immer so anfingen: »Ich vermisse dein Gesicht deine Augen und dein Lächeln wie ist Amerika ist es kalt da und magst du blonde Jungs lieber als mich und meine große Nase?«
Du schreibst zurück, dass es ein totaler Reinfall ist und dass es keine süßen blonden Jungs gibt, und er ist der beste. Du lügst; da sind die blonden Zwillinge, die aussehen wie direkt aus einem Film, und sie sind umwerfend, und eines Tages lässt du deine Schachtel Fairtrade-Schokolade fallen, damit einer von ihnen dir beim Aufsammeln helfen kann. »Hey, ich hab in der Zeitung über dich gelesen«, sagt er, und du wirst rot. »Hast du mal richtig im Zelt gewohnt und so?« Dir stockt der Atem und du sagst »nein, aber in einer Glaspyramide.« »Echt wahr? Supercool ...«, und er geht weg. Was für eine Scheißverschwendung, denkst du bei dir. Verdammt.
Du hast endlich einen Spind, davon hast du geträumt, seit du diese Seven-up-Werbung gesehen hast, als du neun warst. Aber Spinde können ein Mädchen nicht für immer glücklich machen. Dann, eines Wochenendnachmittags, kommt dein Vater in dein Zimmer mit einem Brief von Fakhr in seiner Hand, und du machst dich auf etwas gefasst. Es gibt eine riesige Straftirade. Mädchen sollten so nicht angesprochen werden, sagt er dir. Und dieser Junge sagt, er sehnt sich danach dich zu küssen. Hast du diesen Jungen wirklich geküsst? »Nein!«, sagst du, und eine Erinnerung erscheint in deinem Kopf wie ein Film, in dem du dich oben ohne mit Fakhr in einer verlassenen Strandkabine herumrollst. »Überhaupt nicht!«, schreist du. Der Brief wurde zerrissen und weggeworfen, und du wurdest offiziell ausgeschlossen aus der ehrbaren Religionsgemeinschaft. Als Jennifer und Jessica und Aisha darauf bestehen, dass du mit ihnen zu einem Rap-Konzert im Stubbs gehst, schlägt dir totaler Widerstand entgegen.
»Genug, Mann«, sagt Mama deinem Baba, »lass das Kind gehen, sie erstickt doch hier.«
»Du, du sei still, das Mädchen geht nicht zu Rap-Konzerten und wird betrunken und schwanger. Nein, nein und nochmals nein. Punkt.« Als ob er es besiegeln wollte, furzte er dreimal.
»Ich will Freunde haben!«, schreist du und rennst in dein Zimmer.
»Wir sind nicht hier, um einen Freund zu haben, wir sind hier zum Studieren und das Beste aus Amerika rauszuholen!« Das ist schon immer deines Babas Mantra gewesen, seit du unter seinem Dach lebst. Darum war er in Amerika, aber nicht du. Du wolltest ein »Leben«, ein Konzept, das du gerade erst kennengelernt hattest.
Ihr geht alle zum McDonald’s drive-thru, und als er seinen Cheeseburger überprüft und feststellt, dass Pickles drin sind, setzt dein Baba das Auto zurück und brüllt in die Gegensprechanlage: »Ich habe gesagt ohne Bickles, du Bute!« Eines Morgens, nachdem du ein halbes Dutzend Mal Nirvana gehört hast, packst du eine Tasche, küsst die Stirn deines Bruders und schleichst aus dem Haus, die Tasche am Lenker deines Fahrrades balancierend. Als Hut trägst du die Melone, die du gekauft hast, als du gerade hergezogen warst, mit deiner Mama bei einem Straßenverkäufer am Uni-Campus. Dein Fahrrad fliegt die Straße hinunter, in der Hintertasche deiner Jeans ist die gestohlene Kreditkarte deines Vaters, und um den Hals trägst du jeden einzelnen goldenen Anhänger, den du je besessen hast, an einer dicken goldenen Kette. Die Lösung ist Taco-Verkäufer zu sein, beschließt du, als der Tag sich seinem Ende nähert und Geschäftsleute in ihren Anzügen die Straße überfluten. Du gehst in eine Seitenstraße der Congress Avenue, um dich um einen Karren zu bewerben, und der Mann fragt, wie alt du bist. 17, lügst du, und er fragt, ob du das beweisen kannst. Nein, sagst du, und damit ist die Sache erledigt. Aber ich bin ein Taco-Verkäufer, sagst du, ich muss Tacos verkaufen, das ist ein Teil eines größeren Plans für Frieden zwischen allen Völkern, besonders zwischen Palästinensern und Israelis. Ach wirklich, will er wissen und lächelt. Er ist fast so alt wie dein Vater, und er will wissen, ob du mit ihm nach Hause gehen willst, weil er sich wirklich gut um dich kümmern würde, und du müsstest dir um nichts mehr Sorgen machen. Du drehst dich um und rennst zu einer Pizzeria, dein Minikoffer schlägt gegen den Asphalt, die Räder abgenutzt.
Das Gold verkaufen ist der nächste logische Schritt, denkst du, und so gehst du in einen kleinen Laden und gibst einem älteren Mann mit spärlichem Haar deine Kette. Er wiegt sie und sagt »60$«. Sechzig Dollar? schreist du. Mann, ich weiß, ich hätte weniger bieten sollen, sagt er. Auf gar keinen Fall, Scheiße, das ist mein ganzes Gold, das ist alles, was ich habe auf der Welt! Nur sechzig Dollar? Du denkst an deine Mama, die herumläuft mit all dem Gold an ihren Ohren und Handgelenken; weiß sie, wie wenig das wert ist hier in Amerika? Du schnappst dir die Kette zurück und hängst sie dir wieder um, und als du dich wegdrehst, sagt der Mann, wenn du mit ihm nach Hause kämst, würde er dir ein neues Kleid kaufen und du könntest umsonst bei ihm wohnen.
Dir wird schnell klar, dass du Beute bist, du gehst zum nächsten Motel, ein Drecksloch, und checkst unter einem falschen Namen ein, Madonna Nirvana. Der Mann sieht abgestumpft aus und gibt dir lustlos einen Schlüssel. In deinem Zimmer stellst du fest, dass du am Arsch bist, und rufst deine Eltern an.
»Gottverdammt, wir dachten, du wärst entführt worden!«, schreit dein Baba. »Sie ist es, Gott sei Dank!«, sagt deine Mama.
»Wo bist du, wir kommen dich jetzt abholen!«, sagt er.
»Nicht so schnell, Alter«, sagst du, und kannst nicht glauben, dass du deinen Vater gerade Alter genannt hast.
»Was?«
»Ich habe Bedingungen.«
»Es gibt keine Bedingung, sag uns, wo wir langmüssen, und wir holen dich jetzt gleich, Kleine.«
»Tschüss«, sagst du und legst auf. Nach fünf Minuten rufst du wieder an.
»O.K., O.K., was ist deine Bedingung?«
»Ich darf abends länger wegbleiben.«
»Neun Uhr ist das letzte Wort«, sagt er.
»Und wieder Kontakt mit Fakhr el-Din?«
»Nein, nein und nein!«
Du legst wieder auf. Dieses Mal wartest du ungefähr eine Stunde, gehst in der Zwischenzeit zu einem Laden am Ende der Straße und kaufst mit der gestohlenen Kreditkarte ein Hundehalsband.
»O.K.!«, schreit er, als er den Hörer abnimmt. »Briefe zwischen dir und Fakhr el-Din sind erlaubt, aber es ist absolut und komplett verboten, dass du dich mit Jungen triffst!«
»Abgemacht«, sagst du, »ich bin in einem schäbigen Motel auf dem Broadway.« In weniger als einem Jahr wirst du bedauern, dass du über's Jungentreffen nicht besser verhandelt hast.
Als sie ankommen, wartest du an der Straßenecke, schläfrig und hungrig. Deine Mutter steigt aus dem Auto und nimmt dich in den Arm, und du siehst, dass ihr Gesicht so blass ist wie der weiße Käse von deiner Sitto. Du nimmst sie heftig in den Arm und weinst; du wünschtest, du hättest ihr nicht wehgetan. Sie dachte, sie hätte dich verloren, sagt sie, und du sagst ihr, dass du zäh bist. Sie lacht und sagt dir, dass du einsteigen sollst, und sitzt neben dir hinten.
In dieser Nacht hältst du ihre Hand und siehst aus dem Fenster und auf die verblassenden Lichter der Stadt, und du erkennst zum ersten Mal, dass du mutiger warst als deine Mutter. Als ob sie deine Gedanken gelesen hätte, entschlüpft ihr ein ‘yikhrib baytik’ und dann flüstert sie in dein Ohr: »Ich habe die Briefe sowieso für dich behalten. Du hast nie danach gefragt!« Also hast du nie verstanden, dass sie eine Verbündete war. Daran warst du wirklich selbst schuld.
Dein Baba legt eine Cassette von Abdel Halim ein, der darauf Sawah singt, aber mittendrin kommen Marky Mark and the Funky Bunch, und dein Baba sagt, er hat es im Radio gehört und musste es aufnehmen, weil er sich davon gut fühlte. Die Nacht bricht herein, deinen Kopf an Mamas Schulter geschmiegt schläfst du ein und träumst von einem neuen Leben, einer existentiellen Restart-Taste und von einem Stück Pizza ohne Pepperoni.

Aus dem Englischen von Cora Josting