Von Bin Laden zu Mohamed Bouazizi, Roland Merk

Die Nacht war groß, als der junge Tunesier Mohamed Bouazizi aus Empörung über die Zustände in seinem Land sich an einem lichterfüllten Tag auf einem öffentlichen Platz zum Fanal der arabischen Revolution verbrannte. Die stumme, verzweifelte Botschaft war die eines Entmündigten, eines zur Sprachlosigkeit verdammten jungen Mannes, der mit letztem Einsatz seines Körpers das zur Sprache brachte, was Tag für Tag seine und seiner Mitmenschen Nacht war: nicht in Würde leben zu dürfen. »Karama«, eben Würde, lautete das Wort auf Arabisch, das sich aus seinem zuckenden Mund zum donnernden Wort des arabischen Frühlings erhob, zum Zorn der vielen gegen die wenigen, die ihre Völker unter dem Joch zukunftsloser Tage und unter Folter hielten.


Was aber geschah an diesem hell erleuchteten Tag? Was aber war die Botschaft dieses sich selber zum Tode verurteilenden jungen Mannes? Sein Richtspruch war wie der vieler junger Männer, die sich im Hinterland Tunesiens einsam und verzweifelt an den Pfeilern der Telefonleitungen aufhängten: »Kifaya! Genug!« Genug der Nacht und der Entwürdigung!


Von da zum Aufstand der vielen, zur nach Freiheit lechzenden Forderung der arabischen Straße und zum Sturz des tunesischen Diktators und dann des ägyptischen brauchte es nur noch diese Bilder eines fast gänzlich verkohlten Mohamed Bouazizi vor den laufenden Kameras der Nation, dann war die Sache allen, außer dem Diktator selber, sternenklar: »Dégage – Hau ab!«
Es wird nicht leicht sein, ja es wird Jahrzehnte dauern und die Kräfte der Ewigvorgestrigen sind dabei nicht zu unterschätzen, aber die tunesische und die ägyptische Revolution weisen wie zwei Leuchttürme im brandenden Meer den noch geknechteten Völkern den Weg, gegen ihre Herren aufzustehen. Eine ganze Generation von jungen Menschen wächst jetzt im arabischen Raum auf, die die Erfahrungen und Botschaften des Tahrir-Platzes und der Avenue Bourguiba wie eine wärmende Fackel im Herzen tragen!


Die Sprache des arabischen Frühlings ist klar und deutlich, und sie ist vor allem wieder die Sprache des Menschen – keine von despotischen Marionetten, die ihre Völker am Gängelband der Not und unter Gewalt hielten, unterstützt von denen im Westen, die im Namen einer makabren Auslegung der Worte »Aufklärung« und »Sicherheit« ganze Völker in die Wüste der Unmündigkeit und der Ruinen schickten und ihre Diktatoren unterstützten.


Erinnern wir uns: 9/11 und die Zeit danach! Das war eine Zeit von Zahlen und unaufhaltsame Aufstieg eines vom Westen zur stummen Ikone perhorreszierten Bin Ladens, Sinnbild des Schreckens, das indes und nicht ohne Absicht auch zur Sprachlosigkeit verdammt war.


Es genügte den Schrecken von 9/11 wie ein Gral zu bewahren, das Nibelungenlied von »Sicherheit da« und »Sicherheit dort« zu intonieren – das Eiapopeia, das man unwillkürlich mit George W. Bush in Verbindung bringt –, um mögliche Gründe zu unterschlagen. Der Schrecken musste grundlos, das Böse Bin Ladens irrational sein. »Der Versuch zu verstehen, sei der Beginn, zu rechtfertigen«, sinnierte ein französischer Modephilosoph, so aber dankte das aufklärerische Moment ganz ab.
Nun ist die sprachlose Ikone des Bösen tot, erschossen von einem Spezialkommando der US-Armee. Aber Osama Bin Laden war bereits tot, bevor man ihn erschossen hatte, von der arabischen Revolution hinweggefegt, von einer Zeit, in die er nicht mehr passte. Bin Laden kam nicht im pakistanischen Abbottabad um, sondern im tunesischen Sidi Bouzid. Bin Laden starb als symbolische Figur einer ganzen Epoche im gleichen Atemzug wie der leibhaftige Mohamed Bouazizi, der aus seiner Asche wie ein Phönix zum Symbol einer neuen Zeit aufstieg.


Nun spricht die Geschichte durch die Ikone Mohameds Bouazizis, eines Gemüsehändlers von fast Brecht’scher Güte, Held von Millionen, ja Milliarden von Menschen und Zeitgenossen. Nun werden auch die Araber ihr altes, in die Unmündigkeit getriebenes, stummes Zerrbild nach 9/11 los. Mit Mohamed Bouazizi betritt der Mensch wieder die Bühne der Weltgeschichte, und mit ihm wird die Sprache wieder klar und eine des fordernden Menschen. Die Botschaft Mohamed Bouazizis ist: »Ich bin ein Mensch, ich bin bedürftig, und ich will in Würde leben!« Nicht mehr und nicht weniger!


© Roland Merk 2012