Der Jemen braucht Menschen, die ihn lieben, Ilham M. Manea

Nein, ich habe mich nicht gewundert. Sie etwa? Ich habe mich nicht gewundert, als im Februar 2011 der Aufstand der jungen Männer und Frauen im Jemen ausbrach. Tatsächlich war vorherzusehen, dass so etwas passiert. Es war nur eine Frage der Zeit, weiter nichts.

Gibt es im Jemen irgendjemanden, der nicht wütend ist? In einem Land, in dem ein vorbeirasendes Auto ein Kind überfährt. Das Kind stirbt. Der Täter lächelt. Und der Staat klopft dem Täter – Sohn eines einflussreichen Scheichs oder Militärmannes – gelangweilt gähnend auf die Schulter. Die Familie des Kindes vergießt im Stillen Tränen der Trauer, und der Täter tritt erneut mit Vollgas aufs Pedal.
Wie viele Täter haben bereits nach ihrer Straftat gelächelt? Wie viele Regeln wurden ungestraft überschritten, wie viele Grundstücke geraubt? Der Staat pfeift eine Melodie, als habe er mit der Umsetzung von Recht und Ordnung nicht zu tun …
… in einem Land, in dem die Armen zu stolz sind, um zu betteln, und jeden Tag mit ihren Familien langsam vor Hunger sterben. Wie viele Familien gibt es in Sanaa und Adan, die aus Mangel an Essen den Tod finden? Ungefähr die Hälfte der jemenitischen Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze. Unter der Armutsgrenze!
Eine winzige kleine Minderheit, nicht mehr als fünf Prozent des Volkes, hält die Hand über den Staat und seine Ressourcen und bedient sich, als handle es sich um den Besitz ihres Vaters. Merkwürdig ist, dass diese Minderheit auch nie zu befriedigen ist. Merkwürdig auch, dass sie sich nicht dafür schämt.
Das war kein Staat.
Das war eine Schlange, wie die Königin der Schlangen, von der die Tante meines Vaters erzählte: ihr Maul so groß wie die Welt, ihr Bauch so riesig, ihr Inneres bodenlos weit. Sie schnappt mit den Zähnen um sich und lässt für die anderen um sie herum nichts übrig als Krümel.

Der Mensch im Jemen hingegen blieb abwesend, seine Stimme fehlte. Er blieb stumm. Als sei er ein Nichts … keinen Heller wert, eine Mücke, ein undefiniertes Nomen. Wundern Sie sich da also, wenn ein Aufstand ausbricht, der zu Wandel aufruft? Nein.

Ein solches Land ist der Schoß der Revolution, ihr Ursprung. Wir hatten im Grunde nur einen Funken gebraucht, der die Wut, die in unseren Herzen schlummerte, aufflammen ließ, um zu Veränderungen aufzurufen. Dieser Funke wurde vom Winde des Wandels in Ägypten und Tunesien zu uns geweht.

Wie ich sagte: Nicht das ist es gewesen, was mich in Erstaunen versetzte. Was mich überrascht hat war die Zuversicht der jungen Frauen und Männer, denen ich auf dem Platz des Wandels in Sanaa am 28. Februar 2011 begegnete, ihr fester Glaube an den Wandel im Jemen. Ich war nicht nur verwundert. Ich war verblüfft, völlig ergriffen, euphorisch vor Freude, als sähe ich plötzlich Phoenix aus der Asche auferstehen!
Habe ich kein Recht darauf, mich zu freuen, nachdem ich die Hoffnung aufgegeben hatte, diesen Phoenix jemals für wirklich erklären zu dürfen?
(...)

Aus dem Arabischen von Abier Bushnaq