Die Neonlampenmoschee, Mansour al-Atiq



»Wenn dich meine Knechte nach mir fragen, so bin ich nahe.« (Die Kuh)
»Rechnen denn die Menschen damit, dass man sie sagen lässt ...?« (Die Spinne)
*

(Die blaue Neonlampe, die die Gemeindeverwaltung im Jahr 1396 islamischer Zeitrechnung installiert hatte, wurde für die Bewohner der hinteren Straße mit der Zeit zu einem kleinen Versammlungsort.
Die Gemeindeverwaltung hatte an der Straßenseite der Häuser eine ganze Reihe von Neonlampen angebracht. Man hätte meinen können, des Nachts stünde eine Armee von Männern mit Lampen in ihren Händen in der hinteren Straße, die jederzeit bereit seien, loszumarschieren.
Die Baumaßnahmen an den Häusern, das Ungestüm der frechen Bengel und die teils hart umkämpften Fußballwettkämpfe hatten jedoch dazu geführt, dass die Lichterreihe alsbald der Vergangenheit angehörte. Die einzig verbliebene Lampe behandelten wir wie einen Mann, der unseres Umgangs würdig war. Anders als seine Lampen tragenden Freunde hatte er es vorgezogen, bei uns zu bleiben – hier in dieser Straße, wo nichts zum Bleiben ermutigte. Unter dieser Lampe saßen wir, wenn wir Sorgen hatten, wenn wir liebten, hassten und sogar wenn wir beteten!)
O Allmächtiger!
Meine Mutter sagt, dass Du großzügig und großmütig wirst zu Mitternacht. Sie sagt, dass Du Dich vom Himmel der Welt herablässt und deine Güte und Gnade offenbarst: Wer betet, dem wird geantwortet, wer um Verzeihung bittet, dem wird verziehen. Meist ging ich früh schlafen, sodass ich Deine Rufe nicht hörte. Doch heute stehe ich hier, in der hinteren Straße unter der leuchtenden Lampe, trage, bibbernd vor Kälte und Einsamkeit, einen Mantel mit langen Ärmeln ... und warte auf Dich.

Ich hatte gedacht, dass mich die Empfindungen überwältigen würden, während ich auf Dich warte. Aber nun bin ich allein (wirst Du Dich heute auch herablassen?). Ich führe eine Armee von alten Hoffnungen und Wünschen bei mir, ich habe Bilder dabei, die ich aus Dekorzeitschriften und aus Magazinen über Kunst und Tourismus ausgeschnitten habe. Ich habe Bilder vom Hotel Burdsch al-Arab und von Hotels inmitten der französischen Provinz; auch aus amerikanischen Zeitungen übersetzte Artikel über Kino und Politik; ich habe ärztliche Bescheinigungen, meine Abschlusszeugnisse und Kontoauszüge der letzten drei Monate dabei ..., ich warte nur auf Dich.
Mein Gott, »Herr der Ringe« ist ein Film, den ich wirklich gerne mag. Am besten gefällt mir Gandalf, der schlohweiße gutmütige Alte, der immer dann zur Stelle war, wenn es brenzlig wurde. Auch wenn Gandalf über längere Zeit verschwunden war, tauchte er stets auf, wenn man ihn brauchte. Er fand für alles eine Lösung, und alles kam wieder ins rechte Lot. Gandalf, mein Gott, war immer zu Diensten und verspätete sich nie, wenn seine Freunde ihn riefen. Beschwingt, mit wehendem Bart und einem Lächeln auf den Lippen eilte er herbei.
Natürlich vergleiche ich Dich nicht mit Gandalf. Du bist mein Gott - und Gandalfs Gott. Du bist auch der Gott der leuchtenden Lampe in der hinteren Straße. Allerdings entwickelten sich die Dinge manchmal so sehr zum Schlechten, dass ich kaum meine Augen offen halten konnte. Ich schloss sie fest und sagte mir, jetzt ist der Moment gekommen. Du musst unbedingt intervenieren und nicht wieder alles mit Weisheit und Allmacht lösen. Aber niemand intervenierte, o Allmächtiger. Ich öffnete meine Augen und musste jedes Mal feststellen, dass die Dinge noch immer so waren, wie ich sie zurückgelassen hatte: miteinander verwoben und - schlecht. Wieder ereilte mich das Gefühl der Einsamkeit. Sie zerriss mich förmlich. Nie hätte ich gedacht, dass ich jemals so einsam sein könnte ...
Ich weiß, Du bist da, großartig und gewaltig. Du bist wunderbar, weil Du keine Einsamkeit verspürst und keine Freunde brauchst. Du bist schön, weil Du das Burdsch-Al-Arab-Hotel erschaffen hast, die Newsweek und Jack Nicholson, und weil Du alles über die Krankheiten weißt, über welche die Ärzte in Riyadh sprechen. Es liegt in Deiner Hand, diese auszumerzen, als ob es sie nie gegeben hätte. Ich weiß, dass Du immer mehr Menschen ihren Urlaub in Südfrankreich genießen lassen und ihnen zu einem besseren Leben verhelfen kannst. Dass Du zwei benachbarte Staaten, von denen einer seit Jahren vom Krieg zermürbt wird, während der andere einen wirtschaftlichen Überschussrekorde erzielt, sich wirtschaftlich angleichen lassen kannst. Ich weiß, dass Du zu Vielem in der Lage bist, und ich erwarte nichts mehr, als dass Du dich mir zuwendest. Also warte ich auf Dich.
(...)

Aus dem Arabischen von Helen Adjouri
Aus Mansour al-Atiq Das Erwecken der Toten. Kurzgeschichten, Arab Scientific Publishers, Inc., Beirut 2009

* Kursiv gesetzte Satzteile sind Koranzitate. Übersetzung: Hartmut Bobzin: Der Koran. C.H.Beck. (A.d.Ü.)