Granada, Radwa Ashour


(...) War dies ein Albtraum, fragte sich Salima, der sie zwang, das perfide Spiel dreier geisteskranker, grotesker Männer mitzuspielen? Der Richter beschuldigte sie, sich mit einem Ziegenbock eingelassen zu haben, und wollte sie für eine Zeichnung auf einem Schnipsel Papier bestrafen, die überhaupt nichts zu bedeuten hatte. Auch die Männer, die gekommen waren, um sie festzunehmen, verhielten sich höchst sonderbar. Einer hatte versucht, sich an ihren Büchern zu schaffen zu machen, und als sie die Hand ausstreckte, um ihn daran zu hindern, sprang er entsetzt beiseite und kreischte: »Fass mich nicht an!«, als ob sie eine todbringende Schlange wäre oder ein Skorpion mit giftigem Stachel. Daraufhin war sie wie ein wilder Stier gefesselt und in einen großen Korb gesperrt worden. Transportiert man einen wilden Stier in einem Korb? Nein. Ein kleines Lamm vielleicht, ein Huhn oderein Kaninchen. Aber sie war Salima, die Tochter Dschaafars, die hier gefesselt und in einen Korb gepfercht aus ihrem Haus geschafft wurde! Als sie sich die Szenerie vorstellte, brach sie in ein Gelächter aus, das eher einem Weinen glich und schließlich erstarb.
Bevor man sie den drei Inquisitoren vorführte, schickten sie eine Hünin von gewaltigem Ausmaß und mit hartem Gesicht zu ihr. Sie schor ihr das Haar und befahl ihr, die Kleider abzulegen – alle Kleider, bis sie nackt war, wie Gott sie geschaffen hatte. Dann tastete die Frau Salimas Körper ab, griff ihr unter die Arme und zwischen die Schenkel, fuhr mit dem Finger in alle Körperöffnungen – in die Nasenlöcher, die Ohren und in die Mundhöhle. Sie untersuchte sogar Scham und After – wonach suchte sie bloß? Salima fragte sich, ob das ein übler Scherz oder blanker Wahnsinn war. Zu guter Letzt stieß ihr der Richter seinen Zeigefinger ins Gesicht, als wolle er ihr die Augen ausstechen, und schrie: »Der Bock, dem du beigewohnt hast!«
Wieder allein in ihrer Zelle, war Salima völlig verängstigt ob der unverständlichen Vorgänge. Zunächst hatte sie vermutet, sie hätten es eigentlich auf Saad abgesehen, aber jetzt, nach der Befragung, war ihr klar geworden, dass wirklich sie gemeint war. Aber warum? »Vielleicht beschuldigen sie mich, sonntags und an den Feiertagen nicht zur Messe gegangen zu sein«, überlegte sie. Aber der Richter hatte auf nichts dergleichen hingewiesen. Sie brauchte einen klaren Kopf, um nachdenken zu können, um verstehen zu können, was vor sich ging. Sie musste Ruhe bewahren. Aber wie sollte sie nach all diesen Demütigungen und mit der Schande, die an ihr klebte, Ruhe bewahren? Die hünenhafte Frau hatte ihr einen wollenen Lumpen, der ihr als Gewand dienen sollte, hingeworfen, dann hatte sie sie in die Halle geführt und ihr geheißen, rückwärts einzutreten. Nicht vorwärts, wie es den Geschöpfen Gottes eigen ist. »Dreh dich um«, befahl sie ihr, und als Salima ihrer Anweisung nachkam, sah sie sich den drei Inquisitoren gegenüber, mit ihren wächsernen Gesichtern, ihren hoch erhobenen Hakennasen und ihren forschenden Augen, die ihr bis ins Innerste zu blicken schienen. Was wollen sie nur von mir?, überlegte Salima, verwirrt und zwischen Panik und Bitterkeit hin- und hergerissen. (...)

Aus dem Arabischen von Marei Grundhöfer

Aus Radwa Ashour, Granada
Kapitel 25, 2.Teil