Freitag, 18. Februar 2011, Kaouther Tabai


(...) Ich bin dennoch, wie immer um diese Stunde, am liebsten still. Der Taxifahrer ist ein Mann mittleren Alters, gewöhnliches Äußeres, normal gepflegt, weder mürrisch noch übertrieben beredsam. Doch als ich die Maschine nach meiner Wahlheimat München erwähne, legt er los, ohne Punkt und Komma:
»Ich habe eine Bitte, könnten Sie folgende Botschaft an unsere Mitmenschen nördlich vom Mittelmeer übermitteln? Bitte sagen Sie ihnen, dass es bei unserem Aufstand einzig und alleine um eine Sache geht: die Würde, die Menschenwürde!
Nicht um Brot.
Nicht um Jobs.
Nicht um Armut. Nein!
Klären Sie sie bitte auf, denn wir haben immer noch den Eindruck, dass sie uns noch nicht richtig verstehen können oder wollen! Bouazizi, der 26-jährige arbeitslose Informatiker, hat sich nicht in Brand gesetzt, weil sein Gemüse- und Obstkarren zum x-ten Mal konfisziert wurde. Nein, die Ohrfeige, die er von der Polizistin einkassiert hatte, war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Nicht die Gewissheit, niemals zu seinem Recht kommen zu können, war es, sondern der endgültige Verlust eines jeglichen Hoffnungsschimmers auf eine gerechte Behandlung in einem monströs korrupten System. ›Jasmin-Revolution‹? Nein! Klar lieben wir Tunesier Jasmin. Wir Männer stecken die Jasminknospensträuße bei guter Laune hinters Ohr und unsere Frauen tragen, in lauen sternenübersäten Sommernächten, Ketten aus den zarten Blüten. Unsere Kinder vergnügen sich mit dem Pflücken von Jasminblüten und Knospen. Ja, wir lieben Jasmin, das ist neben Amber, Rosen, Orangen- und Geranienblüten unser Duft. Aber die Bezeichnung ›Jasmin- Revolution‹ bringt uns in Verlegenheit. Wenn wir an das Blut der jungen Märtyrer denken, schämen wir uns für diese überschwänglich irreführende Romantisierung.
Nein, bei aller Liebe zum Jasmin, belassen wir es bei der ›Revolution‹, trocken und ohne Zusätze. Auch keine ›Facebook-Revolution‹. Wobei es nicht zu bestreiten ist, was für eine ungeheure katalytische Wirkung bei der Entfachung des revolutionären Feuers diesem Medium zu verdanken ist, aber diese ganze Umwälzung auf einen Begriff aus der Medientechnologie zu reduzieren ist einfach dumm und ebenso irreführend. (...)

Auszug aus der Kurzgeschichte Freitag, 18. Februar 2011