Rafik Ben Salah

Die kurze H'lima

Für meine Mutter

Fragte man sie, welchen Namen ihr der liebe Gott gegeben habe (denn seinen Namen gibt man sich nun einmal nicht selbst), rief sie aus: »H'lima, die bin ich und die bleibe ich, beim Propheten, wie die Tochter unseres Herrn und Kalifen Abubakr, wie sie hat Er mich genannt und geehrt, wie die, die der Prophet sich zur Frau gewählt hat, Allah schenkt uns Zufriedenheit! Ich bin jedoch der heiligen Frau nicht ebenbürtig, denn nach Seinem Willen werde ich ‚die kurze H'lima’ genannt.«
Der Ehrlichkeit halber muss allerdings erwähnt werden, dass das Frauchen, das auch mit hohen Schuhen keine sechs Spannen erreichte, nicht nur klein von Wuchs war. Es hatte ein rundes, flaches Gesicht, das ein paar schwarz gefärbte Strähnen einrahmten, und im Mund fehlte ihm ein Drittel der Zähne; am auffälligsten jedoch waren seine drallen, speckigen (Allah verschone uns vor Bauchspeck) Ärmchen und Beinchen wie bei einem pummeligen Säugling. Ihre Finger erinnerten an einen Bund aufgereihter Zwergkarotten, während die Zehen die alten Stoffschuhe mit dem Loch ausbeulten, durch das sich ein Zeh hindurchbohrte, der sechste an jedem Fuß.
Derart andersartig war die kurze H'lima beschaffen, ein Wesen, das um seine äußere Erscheinung in keiner Weise besorgt war, das nuschelnd und zischend seiner Wege ging, beim Sprechen reichlich Tröpfchen versprühte und von Zeit zu Zeit herzhaft nach links und rechts ausspie. Die Männer, die ihr in den schmalen Gassen im Dorf über den Weg liefen, machten sich über sie lustig und hatten doch immer ein paar freundliche Worte für sie übrig. Aus solchen Gesprächen schlossen böse Zungen, das Weiblein sei geistig minderbemittelt, und ließen sich dazu eine andere Auslegung ihres Namens einfallen.
Unstreitig gegeben war ihr jedoch Kraft in den Fäusten, es hieß, darin sei sie den Männern gleich, ja übertreffe sie gar, und das sei zu Recht so, hieß es weiter, mit ihren kurzen Armen und Beinen sei es ihr nämlich gelungen, ihre Kräfte auf kleinstem, auf winzig kleinem Raum zu konzentrieren, Kräfte legendären Ausmaßes, von denen sie sich bisweilen zu Ungeahntem hinreißen ließ.
Denn Folgendes hatte die kurze H'lima eines Tages vollbracht. Die Geschichte, die bis heute erzählt wird, ist eigentlich so alt wie die Welt, aber was bedeutet schon Abstand in Zeit und Raum, wenn die Herzen der Menschen unverändert geblieben sind und bleiben werden?
Folgendes hatte sich also zugetragen.
H'lima war sozusagen … ach, wie soll man es nennen? Sie war keine Bettlerin und auch keine Bittstellerin, das nicht, aber sie erwarb ihre Kost und die ihres Mannes auf ihrem täglichen Rundgang zu den Hausfrauen im Dorf. Sie war auch keine berufsmäßige Wahrsagerin, so weit das überhaupt möglich gewesen wäre, nein, H'lima ging nicht mit ihren Worten hausieren, wie manch andere, die dreist »mach die Hand auf« sagt, »mach sie auf, mein Sohn, ja, du wirst einer von den Großen sein und wirst bei den Größten auf unserer guten Erde ein und aus gehen, und nun gib, was der Schöpfer dazu bestimmt hat, gegeben zu werden!«
Nein, H'lima ging keinem Gewerbe nach. Sie kam einfach daher, klein wie sie war, setzte sich an den Rand der Matte, berührte dich an der Schulter, fasste deine Hand, vergoss ein paar Tränen, wenn Kummer gerade dein Los war, und brach mit dir in Lachen aus, wenn Freude Einzug hielt.
Beim Abschied trug sie am Boden ihres geflochtenen Korbs davon, was nach Gottes Willen an jenem Tag dort liegen sollte und was nur gekauft oder gefertigt worden war, um gegeben zu werden. Eines Tages nun – es war nicht einmal Opferfest und auch sonst kein Feiertag – empfing H'lima aus den Händen Fatilas, der Frau des Lehrers, von ihr erhielt sie also zwei Stück Baklawa, das köstliche Backwerk aus Blätterteig und Mandeln mit Honig. »Ich gebe dir zwei Stück mit, meine Schwester«, hatte Fatila gesagt, »eines für dich und eines für deinen Mann, Allah kräftige ihm die altersschwachen Kniescheiben, und nun iss davon, so viel du magst, so lange du hier bist.«
Die alte H'lima erwiderte wie stets: »Allah beschütze dich, Kindchen, 'nun iss, nun iss', sagst du, das geht nicht mehr so wie früher, ich bringe nichts mehr hinunter, Kindchen, mein Magen ist nur noch ein Mülleimer, Herzchen, alles, was ich hineinwerfe, gärt dort vor sich hin, bis es schließlich vermodert ist; ich will damit sagen, dass das Essen mir in den Gedärmen verrottet, Kindchen, und das bereitet mir Schmerzen, der Allmitfühlende allein weiß, wie ….«

Doch während sie so klagte, schob sich H'lima ein Stück Baklawa ums andere in den Mund und füllte pausenlos Kuchen in die Tiefen ihres Rachens. Ein richtiger Festtag war das! Der alte Mabruk schlang seinen Anteil auf einmal hinunter und stärkte damit sein gesamtes Knochengerüst, allen voran die Knie. Sogar sein Blick wurde auf einmal wieder wach, denn von allen Wohltaten hat der Honig die besten Eigenschaften. Kaum hatte er seinen Kuchen verzehrt, schnappte Gevatter Mabruk seinen Spazierstock und schlug die Tür seiner armseligen Behausung hinter sich zu.
Nachdem sie sich nun alleine im Haus befand und auch ihre Runde an jenem Tag schon hinter sich hatte, sagte sich H'lima, dass der Glaube an Allah sich in der Reinlichkeit zeigt und dass Staubwischen, Putzen und Schrubben noch keinen Gläubigen je vom rechten Weg abgebracht haben.

Zuvor jedoch hatte sie ihr Stück vom Kuchen sorgfältig oben auf ein Brett an der Wand gelegt, damit sie diesbezüglich nichts zu befürchten hatte. Dann ging sie ohne Eile ihren häuslichen Pflichten nach – und ohne dieses Mal allzu genau hinzusehen. Zwischen einer Arbeit und der nächsten lief sie zu dem Brett und nahm sich einen Krümel Baklawa, der köstlich im Mund zerging und ihr Herz froh stimmte. Als sie so weit war, den Backofen anzufeuern – eine langwierige Angelegenheit –, konnte sich sich noch auf gut die Hälfte von ihrem Kuchenstück freuen. .
Das Feuer kam nur langsam in Gang, und die aus Mehl geformten Kugeln, die bald als Fladen daliegen sollten, sperrten sich dagegen, verarbeitet zu werden. Aber H'lima dachte stets an das Stück Kuchen, das da oben auf dem Brett wartete, und sagte sich, dass nach getaner Arbeit, wenn zuletzt dann die tabuna ausgefackelt war – eine Hölle für die Hausfrau, die dabei den ganzen Arm in den glühend heißen Ofen stecken musste – auf geht's, diesen einen Fladen noch, nur Mut, … sie dachte stets daran, dass ihr am Ende der Mühsal reicher Lohn sicher war, wie immer ein Fladen frisches Brot mit frisch gepresstem Olivenöl, und heute wartete sogar noch das halbe Stück Baklawa auf sie, welch ein Seelentrost, das sagte sie Mal um Mal zu sich selbst.
Als sie endlich den letzten Fladen abgelöst hatte, schwitzte sie am ganzen Leib vom Scheitel bis zu den Zehen, die aus ihren Stoffschuhen herausschauten. Und wie viel Schweiß war in die Glut getropft, nicht auf die Fladen, bei Mohammed, sondern in die Glut, mit einem leisen, dumpfen Zischen.
Doch dies war nun einmal der Frauen Los hienieden, wer hilft da! So ist das eben, wozu jammern, Allah liebt die Jammerer nicht, hat Er ihnen doch Wohltaten geschenkt. Hier lag das Brot, gleich würde es Olivenöl dazu geben und Oliven und vor allem, vor allem…
Sie ging zum Brunnen und zog den Eimer so voll heraus, dass das süße, frische Wasser überschwappte, an die Brunnenwand spritzte und unten mit einem Geräusch aufschlug, als ob jemand einen Bauchplatscher landet.
H'lima erfrischte sich, wusch sich das Gesicht, entfernte die vielen Rußflecken von ihren nackten Armen und hatte dann nur noch ihr halbes Stück Baklawa dort oben auf dem Brett im Sinn.
Bevor sie jedoch in ihr Zimmer ging, machte sie noch einen Abstecher zum Fliegenschrank, legte ihr noch warmes Brothinein, zählte, ohne zu einem zufriedenstellenden Ergebnis zu kommen, ihre Eier, schaute auf den Grund ihres Ölkrugs und seufzte; nun aber Schluss damit, Allah sorgt immer für Ersatz, wenn etwas anfängt auszugehen, Er hat es immer getan. Es muss nur stets das Herz offen bleiben und die Hand demjenigen hingestreckt werden, der mit Geben an der Reihe ist.
Solcherlei Überlegungen stellte H'lima an, während sie ihre Knie in Richtung Zimmer schob. Und da dachten manche von ihr, sie sei geistig minderbemittelt! Möge Allah uns verzeihen, wenn wir solchen Unsinn erwägen.

Diese Gedanken gingen H'lima jedes Mal durch den Sinn, wenn sich unweit ihrer armseligen Behausung oder vielleicht schon darin die Not abzeichnete. Trotz der Bedrohung richtete H'lima ihre Gedanken dann auf etwas Erfreuliches und sogleich verschwand das Finstere.
Sie schob also die Tür zu ihrem Zimmer auf, die sie beim Hinausgehen niemals zuzuziehen vergaß, damit die Kühle nicht aus den Wänden entwich, und ging dann mit Bedacht zu dem Brett hinüber, auf dem das Baklawastück ihrer hätte harren sollen.
Aber siehe da, da lag kein süßes Stück und auch nichts Erfreuliches, sondern es bewegte sich dort etwas Finsteres, das durcheinander wimmelte, ein Schwarm Fliegen, einige davon dick und grün, wie man sie auf dem Friedhof findet und auf Mist und Aas sitzen sieht. Das Völkchen tummelte sich an der Stelle, an der das Backwerk gelegen hatte, von dem nichts mehr übrig war, nicht der kleinste Rest, nicht ein Krümel.
So ein Jammer! Wenn sie das gewusst hätte, die kurze H'lima!
Sie war gerade so groß, dass sie mit erhobener Zwergkarottenhand auf die Stelle einschlagen konnte, von der die Fliegen nun verschwunden waren, ohne dass der Schwarm Verluste zu beklagen gehabt hätte!
Was nun?
Ein im Denken etwas weniger schmalspurig angelegter Mensch hätte den Verlust als ohnehin vergängliches Vergnügen bedauert, auf die Fliegen geflucht und dann den ungerechten, wirklich gemeinen Mundraub vergessen. H'lima entschied sich jedoch dafür, die Sache dem Dorfkadi vorzutragen, einem von Gerechtigkeit – von der Gerechtigkeit des Allerhöchsten – erfüllten Gelehrten.
Sowie sie diesen Entschluss gefasst hatte, legte sie ihre khallala an, die ihr viel zu groß war, nahm ein breites Stück davon sorgfältig gefaltet über den Unterarm und flehte um Hilfe zu Ihm, der noch das geringste Scharren eines Fliegenbeins auf der fruchtbaren Erde hört. Sie schritt aus, ohne irgendjemanden zu beachten, denn sie hatte sich in das Geheimnis gehüllt, das sie Sid El-Kadi anvertrauen wollte, Allah erhebe ihn über seine Gegner.

Sid El-Kadi hatte keinen Kammerdiener und auch keine Wachen; seine Rechtsprechung war zugänglich wie eine offenstehende Tür, im Innern befanden sich der Hüter der Aufrichtigkeit, der auf einer Matte saß, nicht einmal auf einem Teppich, sondern auf einer Matte aus Alfagras, und ein mit Glut gefülltes Kohlebecken, damit stets Tee bereitstand, das edle und unverzichtbare Getränk.
Begleitung war bei Sid El-Kadi nicht zugelassen, und auch er handelte allein, wenn er Gerechtigkeit walten ließ, wie Allah es ihm eingab, der Zungen, die große Töne spucken, gar nicht schätzt, gar vergeblich und verwerflich ist solches Tun!
Sid El-Kadi war ein Mann von großer Erhabenheit, jedoch kleiner Gestalt, die Kleider wirkten, als seien sie ihm zu groß, denn die Lebenssäfte wichen ihm allmählich aus dem Körper, aber das ist nun einmal der Lauf der Dinge, wir sind Gottes Eigentum und kehren heim zu Ihm, sofern wir denn wohltätig gewesen sind, und diesbezüglich konnte es bei Sid El-Kadi keinen Zweifel geben.

So erwachte er auch, als der Schatten der guten H'lima das Tageslicht ein wenig trübte, aus seinem Halbschlaf, strich sich mit der Hand (der rechten, denn die Linke ist unrein, bei Allah) über das runzlige Gesicht und den haarlosen, glänzenden Schädel und begann sogleich, ein unergründliches Gebet in seinen Bart zu leiern.
H'lima grüßte Sidi, wie es sich gehört: »Friede sei über dir, Allah erhalte dich bei Kräften. Sidi El-Kadi, ich komme zu dir, weil du allein mir hienieden Gerechtigkeit widerfahren lassen kannst.«
Es heißt, an jenem Tag habe wortwörtlich folgendes Zwiegespräch zwischen der unglückseligen H'lima und dem Hüter des Rechts stattgefunden, der zum letzten Mal ein Urteil sprechen sollte; und für H'lima hatte das letzte Stündchen einer gewissen – wenn auch relativen – Hellsichtigkeit geschlagen.

Das Ganze spielte sich unter folgenden schauerlichen Umständen ab.
Als Sid El-Kadi H'limas Umrisse näher kommen sah, sagte er:
»Wer bist du, fremde Frau?«
»Ich bin die kurze H'lima.«
»Du bist Gottes Geschöpf«, antwortete der Hüter des Rechts.
»Ja, aber ich bin klein.«
»Du bist Gottes Geschöpf, habe ich gesagt.«
»Mein Haus ist klein, Sidi.«
»Es entspricht deiner Größe.«
»Eines Tages war ich mit dem Besen am Fegen…«
»Deine Reinlichkeit ehrt dich, H'lima…«
»Und während ich so am Fegen war, fand ich einen Groschen.«
»Ein Geschenk Gottes.«
»Mein Herr und Richter, ich habe den Groschen gegen ein Stück Baklawa eingetauscht.«
»Es soll dir vergönnt sein, mit deinen Zähnchen in etwas Süßes zu beißen.«
»Mein Herr und Richter«, fuhr H'lima fort, »ich habe nur ein paar Krümel davon abbekommen, den Rest haben die Fliegen gefressen.«
»Gott hat dir den Genuss versagt, H'lima. Was können wir gegen seinen Willen ausrichten?«
Das war von Sid El-Kadi nicht wirklich als Frage gemeint; deshalb blieb die kurze H'lima stumm.

Sie blieb eine geraume Weile stumm, rührte sich jedoch auch nicht von der Stelle, so dass der Kadi wohl merkte, dass sie sich nicht würde wegschicken lassen, solange ihr nicht irgendwie Genugtuung zuteil geworden war. Er streckte also die Hand in Reichweite aus und langte nach einem Stock von ungefähr einem Meter Länge, einem Stock, der an einigen Stellen knotig war, gleichzeitig jedoch edel glänzte wie antikes Holz. Der Hüter des Gesetzes packte das gute Stück am grob geschnitzten Knauf, der gerade so dick war, dass er eine Männerhand füllte, streckte es H'lima hin und sagte: »Nimm das, kurze H'lima, das ist das Richtige für dich. Wenn du irgendwo eine Fliege sitzen siehst, schlag sie tot und fürchte keine Strafe, weder hienieden noch in Allahs Reich.« H'lima ergriff den Stock am spitzen Ende und wollte gerade den Knauf fassen, da ließ sich eine Fliege auf dem Schädel von Sid El-Kadi nieder, möge Allah jeglichen Gegner aus seinem Umkreis entfernen!
H'lima erstarrte und ließ mit einem kräftigen Schlag den Stock auf den Schädel des Richters niederfahren. Es gab ein dumpfes Knacken, woraufhin die Frau ihr Opfer seufzen hörte: »Allah möge die am Leben erhalten, die mir das Leben geschenkt hat, und die zugrunde richten, die es mir genommen hat.«
Dies waren seine letzten Worte. Seine Augen wurden weiß und blickten nunmehr zur Seele hin. Der Mann fiel zur Seite und rührte sich nicht mehr.
H'lima erkannte alsbald, was für ein entsetzliches Unheil sie angerichtet hatte, sie brach in lautes Wehgeschrei aus und schlug sich wieder und wieder ins Gesicht und auf die Schenkel, bis sich das Sterbezimmer mit Menschen füllte.

Die Schuldige wurde von den Ordnungshütern festgenommen und berichtete, wie sich die Sache zugetragen hatte, sie erzählte die Geschichte immer wieder von vorn, und aus welchem guten Grund sie jedes Mal log, wenn es um die Herkunft des Kuchenstücks ging, ist nicht schwer zu erraten.
Sie blieb ein paar Wochen im Dorfgefängnis eingesperrt, doch bald war für jedermann feststellbar, dass sie nicht mehr ganz bei Trost war, und sobald man sie auf freien Fuß gesetzt hatte, wiederholte sie auf Schritt und Tritt: »Sidi El-Kadi hat zu mir gesagt: 'Wer bist du, fremde Frau?'«, und fuhr dann fort bis zum tödlichen Schlag.

Es geht die Rede, H'lima leide unter einer unterschwelligen Form des Wahnsinns, der in Schüben zum Ausdruck kommt, andere halten ihn für selektiv oder ganz eindeutig demonstrativ, zum Anschauen wie Bilder in einer Ausstellung. Wer's glaubt, wird selig, von wegen verrückt!

Aus dem Französischen von Angela Tschorsnig

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